Der WDR hat sich in der Sommerpause intensiv mit den drei NRW-Bundesligisten beschäftigt. Nach dem Stadionporträt gibt es hier im Video die Kurvenklänge. Das WDR Funkhausorchester hat unsere Hymne zusammen mit den Fans Live in der Kurve eingespielt. Das Ergebnis seht ihr hier:

Der WDR hat sich die Stadien der NRW-Bundesligisten einmal genauer angeschaut und jedem Stadion sein eigenes, multimediales Stadionporträt gewidmet, bzw. um es mit den Worten des WDR zu sagen:

"Borussia-Park: ein multimediales Stadionporträt Den Fans ist der Borussia-Park eine Kultstätte. 50.000 Fußballfans pilgern im Schnitt zu den Heimspielen in Gladbach, um gemeinsam zu jubeln, zu leiden und zu feiern. Diesen Ort mal ganz für sich genießen zu können, hat aber auch seinen Reiz. Dieses multimediale Stadionporträt macht es möglich."

Zum Porträt geht es HIER oder ihr klickt einfach auf das Bild oben [(c) WDR] 

Platz 3 in der Bundesliga bedeutet gleichzeitig auch bester verein aus NRW in der Saison 2014/15.

Wie sich die NRW-Vereine aber untereinander geschlagen haben hat Rüdiger einmal ausgerechnet. Sechs Vereine bedeutet fünf Hinspiele und fünf Rückspiele für jeden, insgesamt 30 Partien. Mit 20 von 30 möglichen Punkten konnte sich unsere Borussia knapp (mit dem 3:0 im direkten, letzten Aufeinandertreffen aber letztendlich souverän) vor Bayer Leverkusen an die Spitze setzen und ist somit

NRW MEISTER 2014/15: BORUSSIA MÖNCHENGLADBACH

 

 

 

 

Ist zwar schon etwas älter, aber aus aktuellem Anlass:

Der Mönchengladbacher Mittelfeldspieler Christoph Kramer über seinen rasanten Aufstieg vom Zweitliga-Abstiegskampf bis ins WM-Finale, über das Privileg, einer von nicht mal 100 deutschen Fußballweltmeistern zu sein – und seine Kopfschmerzen am großen Tag in Rio

Interview: Philipp Selldorf

SZ: Herr Kramer, am Donnerstag spielt Borussia Mönchengladbach – noch ohne Sie – in der Europa League in Sarajevo. Und am Wochenende startet die Bundesliga. Wie oft mischt sich bei Ihnen noch das Andenken an die WM in diesen Alltag?

Christoph Kramer: Im Prinzip jeden Tag. Wenn ich ein Autogramm unterschreibe zum Beispiel: Dann sehe ich mich gleich wieder im Deutschland-Trikot. Natürlich hat mich der Alltag irgendwie wieder, aber der Alltag ist nicht mehr so, wie er einmal war. Was im Sommer passiert ist, das überschattet alles. Beziehungsweise: Es überschattet nichts, das ist das falsche Wort. Es übersonnt. Das ist das richtige Wort.

Ist doch großartig, wenn aus der Vergangenheit die Sonne ins Heute scheint.

Absolut. Es ist einfach das Größte, was einem Fußballer passieren kann. Immer noch ein unbeschreibliches Gefühl. Und ich habe es auch immer noch nicht so ganz realisiert, weil die Zeit so über mich weggerast ist. Zwischen dem Zweitliga-Spieler Kramer und dem WM-Final-Spieler Kramer liegt gerade mal ein Jahr.

Begonnen hatte dieses Jahr im Zweitliga-Abstiegskampf mit dem VfL Bochum. Bis dort Trainer Peter Neururer doch noch die Rettung gelang. Der hat sich bestimmt längst gemeldet, oder?

Natürlich. Er hat gratuliert. Und der VfL bringt jetzt eine T-Shirt-Kollektion von mir raus. Eine Ehrung für mich gibt es in Bochum auch noch, nächsten Montag vor dem Spiel gegen Union Berlin. Darüber freue ich mich sehr, denn ich habe dem VfLBochum viel zu verdanken.

Ehrungen gab es ja mittlerweile einige. Hier in Mönchengladbach...

...Mönchengladbach, Berlin, meine Heimatstadt Solingen...

...und nächste Woche Bochum. Was kommt noch? Leverkusen vielleicht, wo Sie früher gespielt haben – und ja immer noch unter Vertrag stehen?

Gern auch in Leverkusen. Ich nehme alle Ehrungen mit. Das erfüllt mich einfach mit Stolz und bringt alles in Erinnerung.

Welche Momente aus dem WM-Sommer haben sich besonders tief eingeprägt?

Besonders gern denke ich an mein erstes Spiel im Turnier zurück, gegen Algerien.

Achtelfinale: Sie wurden während der Verlängerung eingewechselt, 115. Minute?

109.! Außerdem denke ich natürlich oft an das Finale und an diesen alles überragenden Moment, in dem ich den Pokal in der Hand halte. Und manchmal gehen die Gedanken auch noch zu meinem allerersten Länderspiel – das bei den meisten Leuten, die ich kenne, leider komplett in Vergessenheit geraten ist. Für mich war es bis dahin das Highlight meiner Karriere, weil ich immer schon davon geträumt habe, dieses Trikot mal tragen zu dürfen.

Sie sprechen vom torlosen Test gegen Polen im Mai, bei dem Sie sich fürs WM-Trainingslager qualifizierten. Was Sie an jenem Abend nicht entfernt ahnten, oder?

Ich habe mich einfach nur wahnsinnig gefreut, bei diesem Spiel dabei sein zu dürfen. Ausgerechnet habe ich mir gar nichts, und schon gar nicht habe ich darauf gehofft, mich für das Trainingslager in Südtirol empfehlen zu können. Ich wusste ja nicht mal, dass der 30-Mann-Kader, den der DFB vorher an die Fifa gemeldet hatte, noch geändert werden kann. Ich dachte, diese Namensliste wäre unantastbar. Da hatte ich mich zum Glück getäuscht.

Und dann sind Sie nicht nur mit nach Brasilien gefahren, sondern standen plötzlich im heikelsten WM-Spiel auf dem Platz.

Gegen Algerien war es wirklich extrem eng, extrem spannend. Manuel Neuer musste uns in der ersten Halbzeit davor bewahren, aus dem Turnier zu fliegen. Als ich reinkam, war ich ziemlich nervös. Aber ich habe mich auch sehr gefreut über das Vertrauen, das der Trainer in mich setzte. Es stand ja bloß 1:0. Dass er dann einen Neuling wie mich gebracht hat, dass es nicht nur Gerede war, wenn er mit mir über mein Spiel gesprochen hat – das hat mich auch stolz gemacht. Dafür werde ich ihm ewig dankbar sein.

Und plötzlich mussten Sie sogar im Finale antreten. Wie haben Sie erfahren, dass sie mitspielen werden?

Zehn Minuten, bevor es losging, hatte mir Hansi Flick (Co-Trainer, d. Red.) gesagt, dass ich spiele, weil Sami (Khedira) nicht kann. Mein Puls ging sofort auf 210. Aber jetzt weiß ich: Es war super für mich, dass ich es so spät erfahren habe, so hatte ich keine Zeit, mir Gedanken zu machen. Ich war sehr, sehr nervös, aber die anderen Spieler haben mir geholfen, weil sie nicht gekommen sind und auf mich eingeredet haben. Sonst hätte ich nämlich das Gefühl bekommen, dass sie es mir nicht zutrauen.

Stattdessen haben sie Späße mit Ihnen gemacht. Welche Gemeinheiten kamen da von Schweinsteiger und den anderen?

Ich weiß nicht mehr, was die gesagt haben – ich war zu sehr im Tunnel drin. Ich weiß nur, dass der Trainer zu mir gesagt hat, dass ich einfach alles so machen soll, wie ich es immer mache. Einfach nur diesen Satz hat er gesagt. Und gerade das hat mir Kraft und ein gutes Gefühl gegeben.

So haben Sie nicht ausgesehen. Sie sahen aus, als ob Sie sich nicht wohlfühlten im Maracanã-Stadion, kurz vor dem Anpfiff des WM-Finales gegen Argentinien.

Habe ich auch nicht. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, ich hätte mich auf das Spiel gefreut. Es gab viele Spiele in meinem Leben, auf die ich mich mehr gefreut habe. Ich dachte mir: Die ganze Welt guckt zu, und wenn Du jetzt einen Fehler machst, dann brauchst Du nicht mehr nach Hause zu kommen. So habe ich wirklich gedacht. Der Druck war enorm. Aber sobald der Ball dann rollte...

...war auch das WM-Finale nur ein normales Fußballspiel?

Genau. Erst ist man total beeindruckt von dem ganzen Drumherum, Du siehst diesen Pokal und weißt, dass es auf der ganzen Welt kein größeres Event gibt als das WM-Finale. Aber wenn du das erste Mal gegen den Ball getreten hast, dann ist das vorbei. Dann ist es ein Fußballspiel wie die anderen auch.

Nach Ihren Eindrücken vom Spiel zu fragen, ist wohl eine doofe Frage – Ihr Gegenspieler Garay hatte ihnen ja früh im Spiel eine Gehirnerschütterung zugefügt.

Ich war zwar eine Weile weggetreten, aber ich weiß alles, ich habe es mir hinterher angeguckt. Ich weiß, dass ich gar nicht schlecht gespielt habe. Nur in meiner Erinnerung gibt es halt diese Lücke: die Viertelstunde nach dem Zusammenstoß, die fehlt komplett, und die werde ich auch nie wieder zurückbekommen. Ich habe noch ein paar Szenen im Kopf, das muss dann halt reichen für den Rest des Lebens. Für mich endet mein Finale mit einem Einwurf von Miroslav Klose.

Aber das Spiel konnten Sie danach angucken? Keine Beschwerden, keine Kopfschmerzen, trotz Gehirnerschütterung?

Kopfschmerzen hatte ich am nächsten Tag schon. Aber die kamen vom Feiern.

Was gab es zu trinken?

Alles. Wirklich alles. Und ich habe auch alles getrunken. Schlafen konnte ich sowieso nicht. Fünf Minuten in irgendeinem Sessel eingenickt, mehr ging nicht. Das ist schon so eine Art Goldrausch. Du träumst als Kind davon, dieses Ding in der Hand zu halten. Und plötzlich hast du den Pokal sogar gewonnen und weißt, dass du aktiver Teil der besten Mannschaft der Welt bist.

Was sagt es Ihnen, dass es nach der WM etliche Wechselangebote für Sie gab?

Dass ich wohl nicht ganz so schlecht gespielt habe. Und dass es halt auch nur Menschen sind, die das Fußballgeschäft machen: Ein besserer Fußballer bin ich ja nicht geworden durch den WM-Titel. Ich habe mir natürlich auch ein paar Gedanken gemacht über diese Angebote, aber ich bin nicht in den Gedankengang gekommen, darüber entscheiden zu wollen.

Verteidiger Benedikt Höwedes hat erzählt, ihm seien auf dem Platz spontan die Tränen gekommen, als Mario Götze das 1:0 gelang. Wie war es bei Ihnen?

Ich bin mit den anderen im 50-Meter-Sprint zu Mario gerannt, und ich glaube, ich hatte auch Tränen in den Augen. Der arme vierte Offizielle wollte uns noch aufhalten, den haben wir überrannt. Die letzten acht Minuten war ich nur noch mit Beten und Rumzappeln beschäftigt. Und alle haben am Spielfeld gestanden, der vierte Schiedsrichter hat es bald aufgegeben, uns zum Hinsetzen aufzufordern.

Hat sich Ihr Leben nun verändert?

Ja klar. Durch die mediale Wahrnehmung, durch die Aufmerksamkeit der Leute. Vorher war ich ein normaler Bundesligaspieler. Und jetzt bin ich, na ja: Weltmeister. Einer von nicht mal Hundert Weltmeistern im ganzen Land. Was das bedeutet, das sehe ich hier an Rainer Bonhof, der ist vierzig Jahre später noch ein Held.

Wie denken die Freunde, die Verwandten, die Mitspieler?

Ich merke das schon, dass mich selbst meine engsten Freunde und meine Mitspielern anders ansehen und irgendwie auch anders behandeln. Das ist nicht unangenehm, aber es ist auch ein komisches Gefühl. Ich habe jetzt das Gefühl, dass ich aufpassen muss, damit man mir nicht unterstellt, arrogant zu sein. Das geht so schnell, dass einem was angehängt wird. Ich traue mich jetzt gar nicht mehr, ein Autogramm mal nicht zu geben – was ich vor zwei Monaten ohne Bedenken getan hätte.

Manchen Weltmeister hat die Normalität eingeholt. Götze durfte sich in Dortmund gleich leidenschaftlich auspfeifen lassen.

Solange ich für Deutschland gespielt habe, haben mir wohl sogar die Kölner Fans alles Gute gewünscht. Ab sofort wünschen sie mir bestimmt wieder alles Schlechte.

Hatte das WM-Quartier Campo Bahia wirklich so einen großen Anteil am Titel?

Auf jeden Fall. Das Wichtigste war: Keiner ging dem anderen auf die Nerven. Wenn man die ganze Zeit in so einem langweiligen Hotel ist, kriegt man schnell den Lagerkoller. Da hält man es nicht länger als zwei Wochen aus. Bei uns war Platz für alle und alles. Die Wohngemeinschaften, wie das immer genannt wurde, waren dafür gar nicht so wichtig, da sind keine Wunderdinge passiert. Im Campo hat jeder mit jedem zusammengelebt, es war ein normales Miteinander. Wenn du Bock auf Gesellschaft hattest, dann hast du dich dazugesetzt. Und wenn du Privatsphäre wolltest, hast du dich 50 Meter weiter auf eine Liege gelegt und den Wellen zugehört. Mir ist in der ganzen Zeit niemand auf die Nerven gegangen. Das ist das Größte, was in sechs Wochen Zusammenleben möglich ist.

Klingt nach dem Idealfall.

Wir haben uns einfach alle gut verstanden, jeder hat dem Anderen alles gegönnt. Das lag sicher auch an der Zusammensetzung der Mannschaft, aber das Entscheidende war: Wir waren ein Team. Und ich glaube, wir waren das einzige bei dieser Weltmeisterschaft. Die Brasilianer zum Beispiel haben immer von dem großen Spirit geredet und haben dazu irgendwelche Dinge inszeniert – aber dann sind sie im Spiel zusammengefallen wie ein Kartenhaus. Ich hatte das ganze Turnier immer das Gefühl: Wenn Brasilien mal in Rückstand gerät, dann wird’s für die zappenduster.

Bei früheren deutschen Turnierteams war oft von der Bedeutung der Hierarchie die Rede. Diesmal hörte man nichts davon. Warum eigentlich?

Das meine ich mit der Zusammensetzung: Es gab halt die Kramers, Durms, Ginters, Zielers, Weidenfellers, Draxlers, Großkreutz’, die einfach nur glücklich waren, bei der WM dabei zu sein – selbst wenn sie bloß trainiert und nicht gespielt haben. Und es gab die Platzhirsche, die immer gespielt haben. Und an die muss man das große Lob richten, weil die dafür gesorgt haben, dass wir ein richtiges Team werden. Das konnte nicht von uns, das musste von ihnen kommen. Sie haben uns einfach gleichwertig behandelt, und deshalb hatten wir immer eine gute Kommunikation.

Neulich erhoben Sie Schweinsteiger zu Ihrem Idol – weil er sich besonders verdient gemacht hat um die Gemeinschaft?

Das kam ein bisschen falsch rüber. Ein Idol ist er für mich, was den Siegeswillen betrifft – wie man ja im Finale gesehen hat. Aber Bastian Schweinsteiger war auch einer von den „Superstars“, die uns jungen und unerfahrenen Spielern das Leben leicht gemacht haben. Aber das hat auf seine Weise jeder gemacht, ob das Lahm war, Müller, Özil, Podolski: Das war einfach gut. Oder Neuer: Er ist superlocker, sogar vor dem Spiel entspannt, aber wenn’s drauf ankommt, ist er auf den Punkt konzentriert. Diese Mentalität hat er. Eigentlich ist er das Gegenbeispiel des typischen Torwarts. Sonst sind Torhüter ja ein Volk für sich.

Warum haben die Spieler eigentlich nie das Quartier für einen Spaziergang durchs Dorf verlassen?

Wir hatten ein schönes Campo. Und dann war es ja auch ganz schön gefährlich.

Was soll an diesem winzigen Dorf denn gefährlich sein?

Ich habe gehört, dass einiges passiert ist, bevor wir kamen. Und die Polizisten waren doch nicht nur dazu da, um am Trainingsplatz die Schlangen einzusammeln.

Schlangen?

Ich habe selbst vier Stück gesehen, mindestens zwei waren giftig. Und im Campo haben sie auch eine gefunden – und eine giftige Spinne.

Wie finden Sie jetzt aus der Höhe dieser Abenteuer in die Ebene des Alltags?

Was heißt Ebene? Ich spiele ja gern Fußball. Für die Europa League haben wir uns bei Borussia ein ganzes Jahr angestrengt. Darauf freue ich mich. Die schönen Gedanken und tollen Erlebnisse dieses Sommers, die bleiben sowieso für die Ewigkeit.

  • Sa. 17.06.17, 19:00 Uhr: Sommerfest 2017 bei Bernhard D.