Es ist natürlich unfair, Matthias Ginter von Borussia Dortmund anzuprangern.  Ein Profifußballer muss ja kein ordentliches Benehmen haben und  ein 23-jähriger auch nicht. Aber Ginter war  schließlich auch mehrfach unfair ; von daher darf er sich nicht beklagen. Er verursachte den Freistoß, der zum Siegtor der Hertha führte. Und er stapfte danach wortlos an den wartenden Journalisten vorbei.
Nur seinem indirekten Arbeitgeber Sky hatte er nach Abpfiff vertragsgemäß ein paar Worthülsen hingeschmissen. Ginter ,  Weltmeister, Europapokal, führt für die UEFA das Wort « Respekt » spazieren. Und wenn es darauf ankommt ? Abgetaucht, lächerlich, respektlos.
Man mag zu uns Journalisten stehen, wie man will. Man mag uns als Schmutzfinken betrachten oder als Edelfedern. Nur eins sollte den Millionären in kurzen Hosen immer bewusst sein : Ihr Gehalt beziehen sie nicht aus ihrer Arbeit. Ihr Entgelt, ihr Geld, beziehen sie aus ihrem Unterhaltungswert. 
Wer verbreitet die Unterhaltung und macht sie mehr Wert ? Wer steht bei Wind und Wetter mit Kamera oder Notizblock am Trainingsplatz, wenn man denn noch gelassen wird ? Wer be-richtet noch statt einen eigenen Propaganda-Sender auf den Markt zu schmeißen ? Richtig. Wir, die Journalisten.
Wer bezahlt täglich bis zu drei Euro, um an die Infos über die Millionäre zu kommen ? Richtig, Sie, die Abonnenten, Stamm- oder Gelegenheitskäufer der Zeitungen. 
Deshalb regt es mich kälbisch auf, wenn ein einzelner Angestellter einen ganzen Verein wie den TSV 1860 München imitiert, und « Silencio Stampa » dekretiert. Um Giovanni Trapattoni zu variieren : «Was erlauben Ginter ? »   
Der sieben Jahre ältere Julian  Nagelsmann ist eindeutig intelligenter als Herr Ginter. Aber dafür ist er ja auch schon Trainer und nicht nur Spieler. Nagelsmann tut neuerdings via Facebook schon seine Sicht der Dinge kund, ehe er überhaupt die obligatorische Pressekonferenz besucht. Als wäre die Propagandaabteilung in Hoffenheim nicht schon groß genug. Aber diese vereinzelte Meinungsvielfalt und Deutungshoheit ist dem Schweigen des Herrn Ginter immer noch vorzuziehen. Doch jeder Jungspund, dem im Beruf die Nutzung der Hand verboten ist und der das Verbot auch auf den Kopf und den  Mund bezieht, ist ja noch lernfähig.
Es muss hier und heute festgehalten werden, dass kein Verein und kein Spieler das Recht hat, Journalismus zu verweigern. Wir sind Fußball und nicht die Türkei.

Rainer Kalb

Der renommierte Sportjournalist Rainer Kalb (63) ist das 62. Mitglied der Lippe-Fohlen geworden. Er wird in Zukunft für uns jeden Dienstag das aktuelle Fußball-Geschehen, auch über unsere Borussia hinaus, kommentieren.

Ein Beitrag von ihm für das Buch "Gesichter der Nachhaltigkeit".