Jetzt also Deutschland – England. Die Fans im Dortmunder Stadion werden für Stimmung sorgen, die Hotels in und um Dortmund verlangen angesichts 8000 englischer Fans unverschämte Preise. Zumal in Köln auch noch eine Messe ist.
Der « Klassiker » führt dazu, dass sich auch der « Klub der ehemaligen Nationalspieler » wieder trifft. Da werden Tausende Länderspiele zusammen kommen, wenn denn jeder kommt.
Deutschland – England, das war 1966 das Wembley-Tor, das 3:2 in Mexiko 1970 mit dem bandagierten Beckenbauer, die ewigen Elfmeterschießen (« England kann keine Elfmeter »), das 3:1 in Wembley im Viertelfinale der Europameisterschaft 1972. Der erste Sieg auf Englands Boden.  Das war aber auch das 1:5 in einem Freundschaftsspiel im Münchner Olympiastadion am 1. September 2001.
Der Deutsche Fußball-Bund bezeichnet die Partie auf seiner Website schamhaft-neutral weder als Freundschaftsspiel noch als Testspiel sondern nur als Länderspiel (LSP).  Wie werden Jogi Löw und sein Kollege Gareth Southgate das wohl handhaben ? Die Gefahr besteht, dass der « Klassiker » zu einer Verrsuchsanordnung verkommt. Für dessen Besuch dann dennoch « klassische » Preise bezahlt werden müssen.
Der DFB treibt die Fans in eine Zwickmühle. Einerseits verspricht der « Klassiker » sehr viel, andererseits besteht die Gefahr, dass in dem Freundschaftsspiel von beiden Seiten ein « Als ob » stattfindet, weil es ja doch kein WM-Qualifikationsspiel ist. Da kann ein Trainer schon mal schauen und testen und dem erstklassig zahlenden Publikum zweitklassige Wahre vorsetzen. Dass einem Lukas Podolski noch aus Ehrerbietung ein letztes Tor geschenkt wird, versteht sich von selbst.
Andererseits heißen die nächsten WM-Qualifikationsgegner Aserbeidschan (in Baku) und San Marino (in Nürnberg). Auch keine Spiele, für die man Dutzende von Euro ausgeben möchte. Dazwischen noch ein Sommerspiel in Kopenhagen. Die Dänen waren die, die Deutschland 1992 beim EM-Finale in Schweden geschlagen haben. Aber wer weiß das noch außer dem damaligen Trainer Berti Vogts ?
Für den Konföderationen-Pokal, der vom 17. Juni bis 2. Juli auf dem Programm steht, hat Löw angesichts der Gegner Australien, Chile und Kamerun im Hinblick auf die ein Jahr später stattfindende WM  schon wieder eine Testphase angekündigt – dieses Mal unter verschärften Bedingungen. Den besten Nachwuchs muss er für die parallel stattfindende U21-Europameisterschaft abstellen.  Titel sind eben wichtiger als Jux-Turniere, die angeblich zum « Test » dienen sollen. Was soll aber ein « Test »wenn die Besten nicht dabei sind ?
So geht das weiter. Während der gesamten WM-Quali nur Langweiler im Programm, ehe es dann in einem Jahr zu « Knallern » kommt : Testspiele gegen Spanien und Brasilien.
Danach das obligatorische Benefizspiel, bei dem ein Fallobst-Gegner ausgesucht wird, damit die Herren Nationalspieler gut gelaunt zur WM nach Russland fahren können. Immerhin hat der Fan dann die Gewissheit, seinen Obolus für einen guten Zweck entrichtet zu haben.
Fazit : Richtig interessant ist die Nationalmannschaft nur noch bei Turnieren. Der Rest ist Testen, ohne die Besten.

Rainer Kalb

Der renommierte Sportjournalist Rainer Kalb (63) ist das 62. Mitglied der Lippe-Fohlen geworden. Er wird in Zukunft für uns jeden Dienstag das aktuelle Fußball-Geschehen, auch über unsere Borussia hinaus, kommentieren.

Ein Beitrag von ihm für das Buch "Gesichter der Nachhaltigkeit".