Jupp Heynckes ist zurück, und gerühmt werden Alter, Weisheit und Verstand. Julian Nagelsmann steht auf der Bühne, und gerühmt werden Jugend, Reife und soziale Kompetenz.
Die hat Heynckes zweifellos auch, sonst hätte er die Mannschaft (hier : FC Bayern, nicht Nationalelf) nicht so schnell in die Spur gebracht. Der Unterschied : Nagelsmann geht mit seiner Sozialkompetenz offensiv um, verbirgt sie nicht im Geheimen.
Davon ausgehend, dass ein leitender Angestellter mehr verdient als ein Angestellter, lässt sich das Jahreseinkommen von Nagelsmann ja hochrechnen. Es gibt in Hoffenheim schließlich keinen Neymar.
Dann ein Prozent seines Jahreseinkommens für « Common Goal », für Kinder-Hilfsprojekte zu spenden, ist natürlich mehr Symbolik als Opfer. Aber sich auch persönlich und physisch einzubringen, ist aller Ehren wert. Die Popularität zu nutzen, um ein Projekt bekannt zu machen, auch.
Hertha BSC Berlin hätte besser daran getan, statt eines symbolischen Kniefalls, der stark an einen PR-Gag erinnert, sich dem Nagelsmann-Beispiel anzuschließen.
Angesichts der Nagelsmann'schen Offensive gerät allerdings auch der Deutsche-Fußball Bund ins Rampenlicht. Der hat seine Stiftungen – Egidius Braun, Sepp Herberger, Künstler – bislang durch ein Benefiz-Spiel vor einem großen Turnier öffentlichkeitswirksam unterstützt. Meistens durch ein Spiel gegen eine Schießbunden-Mannschaft, um « Die Mannschaft » mental durch ein Erfolgserlebnis in Laune zu setzen. Zwar sind die Länderspiele bis März seit Monaten bekannt, von einem Benefizspiel weiß aber noch keiner nichts.
Natürlich wird der DFB seine Stiftungen, die langfristige Verpflichtungen eingegangen sind, nicht hängen lassen. Natürlich wird der DFB irgendwo die zwei Millionen, die das Benefizspiel für einen Jahresetat der Stiftungen bringt, locker machen. Natürlich machen diese zwei Millionen nicht ein Prozent des DFB-Haushaltes aus.
Der Unterschied ist folgender : Der DFB versteckt seinen Zuschuss im Haushalt, statt die öffentlich wirksame Präsenz eines Länderspiels zum Nutzen der Stiftungen zu nutzen. Nagelsmann aber nutzt die Bedeutung des Fußballs, um der Gesellschaft zu nutzen. Während der DFB in Sonntagsreden von sozialer und gesellschaftlicher Verantwortung schwafelt.
Nagelsmann beschämt den DFB. Ihm ist viel Erfolg zu wünschen. Ein Prozent verdampft wie ein Tropfen auf dem heißen Stein, aber auch Dampf ist Energie.
 
Rainer Kalb

Der renommierte Sportjournalist Rainer Kalb (63) ist das 62. Mitglied der Lippe-Fohlen geworden. Er wird in Zukunft für uns jeden Dienstag das aktuelle Fußball-Geschehen, auch über unsere Borussia hinaus, kommentieren.

Ein Beitrag von ihm für das Buch "Gesichter der Nachhaltigkeit".