Der Fußball-Weltverband FIFA betrachtet sich im Gegensatz zum Vatikan nicht als Mitglied dieser Welt, sondern als über allem schwebend. Papst Franziskus hat ja immerhin den übermäßigen steuerfreien Zigarettenverkauf im Vatikan verboten und ist in feindliches Land (Myramar ; Buddhismus / Bangladesh, Islam) gereist.
Aber die FIFA ? Macht das Kinderspiel mit den drei Affen. Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen. Zwar werden am Freitag in Moskau mit großem Pomp die WM-Gruppen ausgelost, aber das Entscheidungen darüber fallen, wie die FIFA mit russischem Staatsdoping umgeht, damit ist nicht zu rechnen – darauf kann gewettet werden.
Den Vorwürfen werde nachgegangen hieß es im Juni bereits vage. Es darf vermutet werden, dass sich das « Nachgehen » bis nach der WM im nächsten Jahr hinzieht. Zwar stammen die Vorwürfe vom früheren Laborchef Grigorij Rodtschenkow, der sich vom Saulus zum Paulus gewandelt hat und jetzt unerkannt in den USA lebt. Aber flächendeckes Doping im Fußball ? Unter Mitwissen oder gar auf Geheiß des Vize-Premiers Witali Mutko, auch Präsident des russischen Verbandes ? Es kann nicht sein, was nicht sein darf.
Wenn, wie der « Enthüller » behauptet, alle 23 Spieler des WM-Kaders 2014 gedopt waren, dann müssten diese gesperrt werden. Damit wäre ein Großteil des Kaders für die Heim-WM auf Eis gelegt. Das Team müsste mit unverdächtigen Reservespielern aufgefüllt werden. Da aber das A-Team in der letzten Zeit schon keine Bäume ausgerissen hat, wäre die Stimmung in den Stadien eisig und, im schlimmsten Fall, Russland nach der Hälfte der WM nur noch Zuschauer im eigenen Land. Solch ein Desaster wird sich die FIFA wohl kaum leisten wollen und Russland wird Mittel und Wege finden, sich das nicht bieten zu lassen.
Dabei argumentieren Puristen, die noch an das Ehrliche im Sport glauben, viel rigoroser : Wenn es in Russland ein systematisches, vom Staat verordnetes Doping gegeben haben sollte, dann müsste eigentlich der Verband von der Weltmeisterschaft ausgeschlossen werden. Eine WM in einem Land, das selbst nicht mitspielen darf, aber alle Organisationskosten trägt, alle Sicherheitskosten, alle Transportkosten für die Mannschaften : Das kann selbst der kühnste Phantast sich nicht vorstellen.
Es wird zu Zweifeln an den Beschuldigungen kommen, zu Gutachten, zu Gegengutachten, zu Vertagungen, und im August 2018 scheint dann wieder die Sonne.

Rainer Kalb

Der renommierte Sportjournalist Rainer Kalb (63) ist das 62. Mitglied der Lippe-Fohlen geworden. Er wird in Zukunft für uns jeden Dienstag das aktuelle Fußball-Geschehen, auch über unsere Borussia hinaus, kommentieren.

Ein Beitrag von ihm für das Buch "Gesichter der Nachhaltigkeit".