Seit einer Halbserie wird der Videobeweis getestet, und der Abschluss der Hinrunde gibt den Anlass, eine Zwischenbilanz zu ziehen.
Zunächst einmal müssen die Trennlinien schärfer gezogen werden. Darf ein Video-Assistent sich einmischen, wenn und wann er will oder muss der Schiedsrichter einen Beweis anfordern ?
So oder so leidet die Autorität des Richters. Entweder, ein noch höherer Richter korrigiert ihn, oder er gibt Unsicherheit und Unschlüssigkeit zu. Damit fällt ihm zwar kein Zacken aus der Krone, aber ein Schiedsrichter ist nicht mehr das, was er war : Gottvater. Gegen die Urteile von weltlichen Richtern lässt sich Berufung einlegen, gegen ein Gottesurteil bislang nicht.
Ist es ein Zufall, dass seit dem Videobeweis Eifersüchteleien untereinander, gegenseitige Vorwürfe an die Öffentlichkeit dringen ? Vom einstigen Korpsgeist ist nicht mehr viel zu spüren. Jetzt brauchen die Schiedsrichter in ihrem Winter-Trainingslager schon zwei Psychologen, um wieder zu sich selber zu finden. Ja, ja, der Videobeweis setzt dem Selbstbewusstsein ganz schön zu.
Er hat auch den Fußball massiv verändert. Früher konnten wir Fans nach einem Tor noch spontan jubeln. Jetzt muss die Freude oft für nervenzehrende Sekunden oder Minuten unterdrückt werden – und spontan ist sie dann nicht mehr. Nur noch Pflicht, die zum Ritual gehört.
Die Spieler sollten Pfiffe des Schiedsrichters ignorieren und einfach weiterspielen. Kann ja sein, dass es doch kein Abseits war und das Tor zählt. Auch wer vom Platz fliegt, sollte nicht sofort unter die Dusche verschwinden. Könnte sein, dass er wieder zurück geholt wird.
Kein Bedauern ist allerdings bei der Wettmafia angebracht Die leidet tatsächlich unter dem Videobeweis, weil Schiedsrichterbestechung viel schwieriger geworden ist.
Wird der Fußball durch den Videobeweis « gerechter »? Für mich nicht. Zu oft « beweisen » die Bilder gar nichts, sondern bleiben auch aus der x-ten Kameraperspektive Interpretationssache – eben wie ein Deutschaufsatz und kein Dreisatz im Rechnen.
Die Diskussionen sind seit Sommer nicht weniger geworden, nur anders. Ehrlich gesagt war es mir lieber, als der Schiedsrichter noch alleine (falsch) entschieden hat. Da wusste man wenigstens sofort, woran man war. Und dieser Augenblickdes Fatalen, des Endgültigen, des Unverrückbaren machte auch einen Teil der Faszination Fußball aus.

Rainer Kalb

Der renommierte Sportjournalist Rainer Kalb (63) ist das 62. Mitglied der Lippe-Fohlen geworden. Er wird in Zukunft für uns jeden Dienstag das aktuelle Fußball-Geschehen, auch über unsere Borussia hinaus, kommentieren.

Ein Beitrag von ihm für das Buch "Gesichter der Nachhaltigkeit".