Die Schweizer sind bekanntlich ein Bollkwerk der Meinungsfreiheit. Nun hat sich Dortmunds Schweizer Torhüter Roman Bürki gegen Tausende von Zuschauer gestellt, die Borussia Dortmund nach dem 2:2 gegen Freiburg ausgepfiffen haben.
Die sollten lieber zu Hause bleiben, statt zu pfeifen, war seine Meinung. Schade nur, dass er sie aufgrund der Vereinsführung kurz danach auf Instagram zurück genommen hat. Doch nicht so meinungsstark.
Dürfen Zuschauer gegen die « eigene » Mannschaft pfeifen ? Natürlich dürfen sie. Die Spieler haben via Verein, der die Eintrittskarten auf Haupt- und Gegentribüne für mehr als 100 Euro verkauft, versprochen, eine Gegenleistung zu bringen. Wenn die nicht erbracht wird, darf der Kunde seinen Unmut äußern. Bürki kann froh sein, dass er wegen seines Stellungsfehlers beim Freiburger 40-Meter-Tor nicht auf Schadensersatz verklagt wird.
Fußball-Fans sind schließlich nicht brutal. Sie pfeifen nur. Wenn Bürki die Wahrheit nicht hören will und wünscht, die Fans, sie sollten zu Hause bleiben, sollte er selber höchstpersönlich die Pappkameraden finanzieren, die Vorstandsmitglied Watzke aufstellen müsste, um den TV-Kameras ein volles Stadion vorzugaukeln, mit dem sich die Fernseheinnahmen und damit auchürkis Gehalt rechtfertigen lassen
Was wünscht sich ein Bürki denn ? Es gibt einen alten Bühnenwitz, in dem sich ein Kenner in ein Provinztheater verirrt. Der Tenor singt jämmerlich, und trotzdem fordern die Zuschauer frenetisch ein « Da Capo » - noch einmal. Der Gast wendet sich einem Abonennten zu und fragt : 'Was soll das denn ? Der singt doch jämmerlich !' Antwortet der Stammgast : 'Heute machen wir ihn fertig'.
Hätte Bürki nach seinem ungewollten und vielleicht auch unvermeidbaren Stellungsfehler donnernden Applaus erwartet, um mehr solche Situationen zu provozieren und ihn « fertig » zu machen ? Wohl nicht.
Die Spieler dürfen nicht vergessen, dass sie nicht für ihre Arbeit gerecht entlohnt werden, sondern für das Spektakel, das sie bieten. Wenn das unterirdisch bleibt, darf der Kunde auch mal seinen Unmut äußern. Ihm zu empfehlen, stattdessen samstags nachmittags lieber zu C&A, H&M oder Kaufhof zu gehen, wird letztlich dem eigenen Geldbeutel schaden. Brüderchen, Brüderchen, Du gehst einen schweren Gang.

Rainer Kalb

Der renommierte Sportjournalist Rainer Kalb (63) ist das 62. Mitglied der Lippe-Fohlen geworden. Er wird in Zukunft für uns jeden Dienstag das aktuelle Fußball-Geschehen, auch über unsere Borussia hinaus, kommentieren.

Ein Beitrag von ihm für das Buch "Gesichter der Nachhaltigkeit".