Jupp, ach Jupp ! Das soll jetzt schon alles gewesen sein ? Na ja, ich muss es wohl glauben, obwohl mir das schwer fällt.
Sie sind neun Jahre älter als ich und haben mich mein ganzes Leben ab meiner Jugend begleitet. Als Sie zum Star wurden, stand ich in der Nordkurve auf dem Bökelberg und habe mit den anderen gesungen : « Netzer, Vogts und Heynckes Jupp holen den Europa-Kupp ! » Was dann ab 1975 ja auch regelmäßig eintraf. Nicht jedes Jahr, aber immerhin.
Als Sie von Hannover 96 zu unserer Borussia zurück kamen, habe ich gelernt, dass sich Irrtümer korrigieren lassen. Und Sie haben auch mein Berufsleben als Journalist geprägt.
Ihre Karriere als Trainer war ja nicht nur von Erfolgen gekrönt. Ich war inzwischen Jungredakteur bei der Rheinischen Post in der Außenredaktion Mönchengladbach und Sie hatten den Mut gehabt, Nachfolger von Hennes Weisweiler und Udo Lattek zu werden. Nach irgendeinem Spiel musste ich der Wahrheit halber titeln : « Erste Pfiffe gegen Heynckes ! »Tat mir weh. Als Fan waren Sie für mich der Jupp, als Journalist musste ich « Sie » sagen. War nicht immer einfach.
Bei der nächsten Pressekonferenz haben Sie mich vor versammelter Pressemannschaft an den Pranger gestellt : « Sie ? Sie haben doch keine Ahnung vom Fußball ! » Da habe ich Selbstbewusstsein vor den Großen gelernt, habe mich von der Nordkurve emanzipiert : « Sie haben Recht, Herr Heynckes. Hätte ich Ahnung vom Fußball, wäre ich Trainer geworden. Dann würde ich mehr verdienen als als Journalist. » Seitdem herrschte gegenseiiger Respekt.
Es war die Zeit, als Sie noch empfindlich auf Kritik reagierten – zumal, wenn Sie sie als ungerechtfertigt empfanden. Es war die Zeit, als Ihnen der Spieler Wolfram Wuttke – wer kennt den heute noch ? - den Spitznamen « Osram » verlieh. Sie liefen in der Tat immer rot an, nicht einmal aus Zorn. Es reichte, wenn Sie ärgerlich wurden. Die heutige Gelassenheit im Umgang mit der Öffentlichkeit haben Sie erst demonstriert, als Sie Klinsmann-Nachfolger wurden.
Bayern-Trainer waren Sie ja schon vorher. Anfang 1987 – ich war nach meiner Zeit beim kicker « freier » Journalist geworden – raunte mir Uli Hoeneß zu : « Sie werden sich mit Ihrer Raute im Herzen noch wundern. » Und dann wurden Sie wirklich zum Vaterlandsverräter...
Na ja, die Bayern haben Ihnen dann gezeigt, dass sie nichts von einem Niederrheiner halten. 1991 rausgeschmissen nach vier Niederlagen. Später raunte Uli Hoeneß nicht nur mir zu, das sei die größte Fehlentscheidung seines Lebens gewesen. (Es kamen andere, private, noch später hinzu.)
2007 war es dann, dass ich mich für mein Unvermögen, keine Ahnung vom Fußball zu haben, beglückwünscht habe. Das war, als Sie zum zweiten Mal bei Borussia angeheuert hatten, es eine unerwartete und unglaubliche Talfahrt gab, und Sie mitten in der Saison zurück traten, weil es Morddrohungen gegen Sie und Ihre Frau gegeben hatte. Da habe ich Mitleid mit Ihnen gehab .und mich zu meinem Beobachter-Job in der 2. Reihe beglückwünscht.
Sie haben Iris durch ihren Krebs begleitet, Iris Sie durch Ihre Hüftgelenk-Operation. Das muss, über die Jahrzehnte, wahre Liebe sein – und nicht Ware.
Ich muss immer lächeln, wenn Sie « Don Jupp » genannt werden. Don, obwohl Sie von Real Madrid nach dem Gewinn der Champions League gefeuert wurden . Muss hart sein. An Zynismus nicht zu überbieten. Nummer eins und trotzdem weg. Hätte ich auch nicht gebraucht. Aber dieses Mal haben schlussendlich Sie die Entscheidung getroffen. Ist Freiheit nicht schön ?
Sie wahren ein Lehrmeister in einem anderen Beruf, Jupp. Sie haben Stuckateur gelernt. Feinziseliert, perfekt, kein Fehlerchen. So waren Sie auch als Trainer. Das bewundere ich. Das habe ich als Autor versucht. Leider nicht immer so perfekt geschafft wie Sie.
Jetzt gewinnen Sie ; Herr Heynckes (aus Respekt) und Sie Jupp (als Fan) bitte auch noch den Kupp. Auch wenn es « nur » der deutsche ist. Auch wenn es europatechnisch unserer Borussia nicht mehr hilft. Aber es wäre das würdige Ende einer glorreichen Karriere.
Herzlich und mit der Raute im Herzen und am Samstag dem Bayern-Wappen auf der Brust.

Ihr

Rainer Kalb

Der renommierte Sportjournalist Rainer Kalb (63) ist das 62. Mitglied der Lippe-Fohlen geworden. Er wird in Zukunft für uns jeden Dienstag das aktuelle Fußball-Geschehen, auch über unsere Borussia hinaus, kommentieren.

Ein Beitrag von ihm für das Buch "Gesichter der Nachhaltigkeit".