Mesut Özil hat alles im Fuß, um einen Ball wunderbar behandeln zu können. Mesut Özil hat Augen, die Türkeis Präsident Erdogan am liebsten küssen möchte. Dabei ist Mesut Özil ein Fußballer, kein Froschkönig. Und Mesut Özil ist ein Mensch, dem die Hand offensichtlich geführt werden muss, wenn er ein Theaterstück in drei Akten verfassen will.
Özil hat das Recht, sich fotografieren zu lassen mit wem er will – als Trotzkopf oder aus Gedankenlosigkeit. Aber danach dann dem DFB und seinem Präsidenten « Rassismus » vorzuwerfen, das schlägt dem Fass den Boden aus. Das ist eine unverfrorene Unverschämtheit.
Wer wäre denn Herr Özil, hätte es Westfalia 04 Gelsenkirchen nicht gegeben ? Ein Arbeiter am Band, ein Kassierer im Supermarkt, ein Möbelhändler ? Wo, wenn nicht im Amateurfußball, wird integriert wie sonst selten in der Gesellschaft ? Es waren Kinder von türkischen und italienischen Gastarbeitern, die in den 60-er Jahren bei Amateurvereinen gefragt haben, ob sie mitspielen dürfen – und die Klubs haben ihnen bereitwillig die Tür geöffnet.
Die Nationalmannschaft, für die Herr Özil nicht mehr spielen will, tritt alle zwei Jahre zu einem Benefizspiel an. Die Einnahmen von rund sechs Millionen Euro kommen den DFB-Stiftungen zu gute. Gerade die DFB-Stiftung Egidius Braun, vor allem bekannt durch die Mexico-Hilfe, hat seit 2016 insgesamt über 3500 Anträge bearbeitet und bewilligt, in denen Amateurvereine bei ihren Bemühungen um Integration finanziell massiv unterstützt werden. Da geht es nicht um Trainingsteilnahme ohne Spielerpass, da geht es nicht um Schuhe und ein Trikot, da geht es um ein geschenktes Fahrrad für mehr Mobilität, um Sprachunterricht durch Vereinsmitglieder, um Begleitung bei Behördengängen. Rassismus ?
Natürlich hat auch der DFB in der ganzen Affäre Fehler gemacht. Joachim Löw und Oliver Bierhoff wollen jetzt « zeitnah » mit Herrn Özil telefonieren. « Zeitnah » - noch so ein Quarkwort aus der DFB-Kommunikationsabteilung. Hatten Löw und Bierhoff bei der WM nicht genügend Zeit, Özil den Kopf zu waschen ? Kann der Ex-CDU-Bundestagsabgeordnete Grindel, statt sich zu winden, nicht Klartext reden ? Warum wurde nie veröffentlicht, wie viele Millionen der DFB für Integration ausgibt ?
Selbstverständlich können Özil und sein Heer von Beratern den Spieß nun wieder umkehren und diesen Text als « rassistisch » bezeichnen. Damit muss gelebt werden können. Mir als Fußball-Journalist ist wichtig, dass die Arbeit in den Amateurvereinen, die Arbeit von Egidius Braun und Gerhard Mayer-Vorfelder nicht durch wahrheitswidrige Diffamierung beschmutzt wird. 

Rainer Kalb

Der renommierte Sportjournalist Rainer Kalb (63) ist das 62. Mitglied der Lippe-Fohlen geworden. Er wird in Zukunft für uns jeden Dienstag das aktuelle Fußball-Geschehen, auch über unsere Borussia hinaus, kommentieren.

Ein Beitrag von ihm für das Buch "Gesichter der Nachhaltigkeit".