Es gibt Wichtigeres im Fußball als die Intelligenz eines Spielers, die in den Füßen stecken geblieben ist. Zum Beispiel die Frage, ob eine Winter-Transferperiode nötig ist, damit Vereine ihre verschlampte Personalpolitik aus dem Sommer nachbessern dürfen.
Wie bitte soll ein Fan noch Vereinstreue bewahren, wenn die Bundesliga Mitte August beginnt, « sein » Verein aber noch bis zum 3. Spieltag munter einkaufen und verkaufen darf ? Und wenn sich das Spielchen nur fünf Monate später wiederholt ? Die Bundesliga startet am übernächsten Wochenende in die Rückrunde ; das Heuern und feuern ist aber noch bis zum 31. Januar erlaubt. Dann sind schon wieder zwei Spieltage vorbei. 
Gewiss, eine Mannschaft ist ein organisches Gebilde, das immer lebt und sich verändert. Aber als Dauerkartenbesitzer möchte ich zu Saisonbeginn den Kader kennen. All diese Zukäufe, Nachkäufe, Verkäufe, Notkäufe, all dieses Hin- und Hergeschiebe während des laufenden Betriebes mag zwar den Sportdirektoren gefallen, die so ihre Daseinsberechtigung unter Beweis stellen und so auf dem Rücken des Fußballs sowohl Poker als auch Schach spielen können. Aber mich als Fan wiedert das an.
Verhökere ich noch einen Spieler gegen gutes Geld, dessen Vertrag im Sommer ausläuft und der dem Verein finanziell dann nichts mehr bringt ? Oder ködere ich ihn mit einer sofortigen saftigen Gehaltserhöhung für ein weiteres Jahr ? Der (gute) Spieler sitzt immer am längeren Hebel. 
Die Mannschaftsfotos des kicker-Sonderheftes sind schon bei Druck veraltet. Viele Euro für Makulatur. Manchmal, vor alldem bei den Rotationen nach Europapokalspielen, erinnern mich die Auftritte der Bundesligisten an die Zirkustruppe der Harlem Globetrotters. Geniales Spektakel, aber Sport, Wettkampf gar ? Intern vielleicht um die Startplätze, aber als Mannschaft auf dem Platz ? Wie auch, wenn immer wieder ein Neuer mit seinen Fähigkeiten und Macken kommt. Eine Dauerkarte sollte ein Versprechen sein. Und keine Einladung ein andauerndes Experiment zu verfolgen.
Besonders dreist – aber erfolgreich und durch die Statuten absolut gedeckt – hat es in diesem Jahr Borussia Dortmund getrieben.Die verkauften ihren Flügelstürmer Christian Pulisic für 67 Millionen Euro an Chelsea.Nun sind die Dortmunder für ihre Politik der Geduld – billig kaufen, zum Star machen, mit sattem Gewinn verscherbeln – bekannt. Aber so ein « Deal » im Trumpschen Sinne ist einzigartig. 67 Millionen einstreichen, den Spieler aber noch bis zum Sommer behalten dürfen. Wie das ? Michael Zorc, bestens informiert, kannte die Nöte von Chelsea. Die haben in der Vergangenheit zu viele Kinder und Jugendliche gekauft und werden deshalb wahrscheinlich im Sommer vom englischen Verband mit einem Transferverbot belegt. Also jetzt für die Zukunft kaufen. Bei solchen Tricksereien muss die Frage erlaubt sein, was das Geschwafel vom « Financial Fair Play » überhaupt noch soll.
Die Bayern wollen den Markt fluten, Dortmund wohl auch.Es werden noch mehr Goldsteaks in Umlauf kommen. Bis der Leberkäs-Vertilger sagt : « Das ist nicht mehr meine Welt. »Pay-TV abbestellt, auf Stadionbesuche verzichtet und feststellt : ARD und ZDF mit ihren Zusammenfassungen reichen.
 
Rainer Kalb

Der renommierte Sportjournalist Rainer Kalb (63) ist das 62. Mitglied der Lippe-Fohlen geworden. Er wird in Zukunft für uns jeden Dienstag das aktuelle Fußball-Geschehen, auch über unsere Borussia hinaus, kommentieren.

Ein Beitrag von ihm für das Buch "Gesichter der Nachhaltigkeit".