Auch wenn sich die Trainer am letzten Wochenende beim 3:3 zwischen Borussia Mönchengladbach und der TSG Hoffenheim die Haare gerauft haben – den Zuschauern hat das Spektakel gefallen. Den Trainern bei sechs Toren natürlich nicht.
Heißa, so schön kann Fußball sein, wenn beide Teams MIT dem Ball arbeiten statt dem neuen Leerspruch (oder Lehrspruch) zu folgen, es müsse vor allem GEGEN ihn gearbeitet werden. Das Spiel hat endlich mal wieder an die 70er Jahre erinnert, als die « Fohlen » ihren Spitznamen noch verdient hatten.
Der Alltag heute ? Es reicht ein Blick auf Wolfsburg – Schalke. Verschossener Elfmeter, Eigentor, gähnender Minimalisten-Fußball von beiden Seiten – dafür zappe ich, wie Kölns Sportdirektor Armin Veh richtig sagte, sofort weiter.
Die Deutsche Fußball Liga eilt von Rekord zu Rekord. Rekord beim Zuschauerzuspruch, Rekord beim Umsatz, daraus folgend Rekord bei den Steuerzahlungen, Rekord bei den Teilzeitarbeitskräften (es bedarf immer mehr Ordner) – Rekord, Rekord.
Aber wie ist es um den Fußball bestellt ? Zwar erhält der DFB in der nächsten Saison durch Tricksereien der UEFA sogar vier statt drei feste Startplätze in der Champions Legue – es soll natürlich mehr Geld verdient werden – aber wo steht der deutsche Fußball international wirklich ? Leipzig hat immerhin das Viertelfinale der Europa League erreicht ; nur die Bayern stehen im Viertelfinale der Champions League. Aber ganz alleine kann auch der Rekordmeister die Kastanien nicht aus dem Feuer holen. In der UEFA-Fünfjahreswertung beträgt der Rückstand auf Tabellenführer Spanien momentan 33,571 Punkte, und wer bedenkt, dass die Bundesliga in dieser Saison erst 8,857 Punkte ergattert hat, ahnt, welche Kluft sich da auftut.
Jetzt entwirft der Direktor der Nationalmannschaften, Oliver Bierhoff, einen « Masterplan 2.0 », damit der deutsche Fußball nicht endgültig ins Hintertreffen gerät. Wenn darin wirklich festgeschrieben wird, dass « Silo-Denken » aufgebrochen und « vernetzter » sowie « agiler » gedacht wird ist das nur zu begrüßen. Richtig in der Analyse ist auch, dass es im Gegensatz zut EM-Blamage in Holland bislang nur « Problechen » gibt, aber keine « Probleme »-
Andererseits ist es bezeichnend, dass die Nationalmmschaften vorangehen müssen. Nur in den Nationalmannschaften gibt es Trainer über Jahre hinweg und im Kern identische Spieler. In den Vereinen werden die Trainer gefeuert, wenn Resultate fehlen oder eine Spielidee nicht funktioniert, werden Spieler zu Legionären oder zur Handelsware. Da kann keine Kontinutät entstehen. Es sei denn, man heißt Heynckes und ist ein bisschen weise geworden.

Rainer Kalb

Der gewesene Sepp Blatter war dagegen. Der gewesene Michel Platini war dagegen. Der gefühlte Sepp, Infantino genannt, ist vehement dafür. Und die erzkonservativen Briten, die in der achtköpfigen Regelhüterregierung aus historischen Gründen vier Stimmen haben, waren auch lange dagegen. Gegen den Videobeweis.
Jetzt wird er in den Regeln verankert, obwohl gerade in Großbritannien bei Tests Ergebnisse aufgetaucht sind, die jeden Stammtisch zum Lachen bringen.
Regeländerungen sind seit den ersten Fußballregeln 1863 gang und gäbe. Schiedsrichter und Elfmeter gibt es erst seit 1891 ; die Abseitsregel wurde mehrfach geändert. Die letzten gravierenden Veränderungen für die Fans waren die Einführung der Nachspielzeit, das Verbot des Rückpasses zum Torwart, gleiche Höhe kein Abseits, zehn Spielbälle am Rand, um nicht auf das « Gerät » warten zu müssen (was dazu führt, dass sich heute mehrere Akteure den « Spielball » als Trophäe sichern können).
Jetzt also der Videobeweis. In der Bundesliga scheint er sich nach Anlaufschwierigkeiten zu bewähren, wie am Wochenende deutlich zu bemerken war. Nur : Ist er schon für eine Weltmeisterschaft geeignet ? Die Erfahrungen beim Confed-Cup im letzten Jahr geben zu berechtigten Zweifeln Anlass. Da war das manchmal Slapstick (Rote Karte oder nicht, falscher Spieler).
Verkehrssprache bei einer WM ist englisch, doch ist die Aussprache des Englischen bei Afrikanern, Europäern, Aiaten, Südamerikanern sowie denen aus Ozeanien (Australien) sehr, sehr unterschiedlich und missverständlich. Es reicht, Ohrenzeuge zu werden, wenn ein Deutscher und ein Franzose sich auf englisch verständigen wollen. Da ist es meist erfolgreicher, jeder spricht seine Heimatsprache, die der andere eigentlich nicht versteht.
FIFA-Präsident Infantino verstieg sich zu der verwegenen Behauptung, die Schiedsrichter würden seit zwei Jahren auf den Videobeweis geschult. Da bei einer WM nicht die besten Schiedsrichter, sondern solche aus allen Kontinenten zum Einsatz kommen, wäre interessant zu erfahren, wie Schiedsrichter aus Afrika, Südamerika, Asien schon seit zwei Jahren Erfahrung mit dem Video-Beweis gesammelt haben. Und ob die WM-Schiedsrichter insgeheim schon seit zwei Jahren feststehen. Und die Video-Assistenten auch.
Hinzu kommt, dass UEFA-Präsident Aleksander Ceferin sich vehement gegen den Videobeweis ausgesprochen hat. Er wird in der Champions League – und die ist schließlich der bedeutendste Klub-Wettbewerb der Welt - jedenfalls nicht eingeführt. Dort bleibt es bei den zwei von Platini erfundenen Torrichtern, von denen man allerdings auch nicht weiß, was sie eigentlich sehen und wie sie dem Schiedsrichter helfen. Und ob sie bei Reise- und Hotelkosten sowie Spesen auf die Jahre gesehen preiswerter sind als die Einmalkosten der Installierung einer Video-Überwachung sei auch dahin gestellt.
Der « Rat der Weisen », wie das frühere FIFA-Exekutivkomitee sich jetzt nennt, muss der Einführung des Video-Beweises bei der WM noch zustimmen. Normalerweise gilt das Gremium als Abnickverein für den Willen des Präsidenten. Es wird spannend sein, zu verfolgen, wie sich die Europäer verhalten werden. Ceferin oder Infantino ? Warten wir's ab.
Nur eines ist sicher : Wir Journalisten können uns die Hände reiben. Wir haben jetzt schon ein WM-Dauerthema.

Rainer Kalb

Der relativ pleite Stadtstaat Bremen will Geld vom deutschen, relativ solventen, Profifußball haben, weil er ein Fußballspiel sichern musste. Das Nordderby 2015 gegen den Hamburger SV soll gut 400.000 Euro an Zusatzkosten kosten. Die Betonung liegt auf « Zusatz ». Ein Gericht hat so entschieden, ein zweites anders. Jetzt kommt in ein paar Jahren das dritte, das endgültige, zum so-so.
Da passt es, dass gerade jetzt, bei Bremen – HSV, wieder das Feuerwerk flog und nur am Rande aktuell über Fußball berichtet werden konnte. Es stellen sich zwei, drei, vier Fragen.

Erstens : Was muss ein Verein leisten ? Ein Verein bleibt ein Verein, auch wenn er seinen Kapitalismus ausgliedert. Deshalb gibt es allen Kindsköpfen zum Trotz die 50+1 Regelung.

Zweitens : Der Verein hat Hausrecht, auch wenn er das Stadion vom Staat oder der Stadt nur gemietet hat. Damit hat der Verein auch Pflichten. Ordner beispielsweise müssen hinreichend vorhanden und ausreichend ausgebildet sein.

Drittens : Wenn es ab Bahnhof Randale gibt, kann nicht der Verein dafür zur Rechenschaft gezogen werden. Öffentlicher Raum bleibt öffentlicher Raum und kein Verein – könnte ja auch ein Kegelklub sein – ist für dortige Vorkommnisse verantwortlich.

Viertens : Wenn die Polizei schon inzwischen Millionen für sogenannte « Hochrisikospiele » verlangt bleibt die Frage, weshalb sie trotz fast vierfacher Normalpräsenz es nicht vermeiden kann, dass, wie jetzt in Bremen, HSV-Chaoten angeblich einen Rucksack vollgestopft mit Pyrotechnik aus dem öffentlichen Raum auf ein Privatgelände schleuderten.

Fünftens : Der Schiedsrichter hätte das Spiel nicht unterbrechen, sondern abbrechen müssen. Es wäre natürlich ein Einknicken vor Chaoten, Aber diese Devise von DFB/DFL « Trotz alledem » ist falsch. Spielabbruch, Wertung am grünen Tisch und die wahren Fans haben keinen Fußball mehr – erst das würde die Masse gegen Chaoten mobilisieren. Über Geldstrafen lachen sich die Fans kaputt, weil sie wissen, dass am Ende doch wieder sie die Melkkühe sind.

Sechstens : Die Polizei / die Behörden sollten endlich einmal folgende Fragen beantworten : Weshalb soll der Fußball bluten, wenn die katholische Kirche allein in Eichstätt über 40 Millionen Euro versenkt hat. Hat die Polizei jemals Gebühren für den « Schutz » einer Fronleichnamsprozession erhoben ? Ist dem Deutschen Gewerkschaftsbund jemals eine Rechnung für den Schutz seiner Demonstrationen – ob am 1. Mai oder anderen Tagen – gestellt worden ?

Siebtens : Die Kapitalgesellschaften jammern, sie seien international nicht mehr konkurrenzfähig, würden sie noch mehr belastet. Tja, dann sinken sie eben auf französisches Niveau ab. Da muss jeder Verein jede Polizeistunde ab der ersten Minute bezahlen. Tut das dem Fußball weh ? Ja. Dem Steuerzahler ? Nein.

Zusammenfassung : Ja, die Gehälter der Stars und die Kosten eines Würstchens im Stadion sind obszön. Ja, der Staat hat für Sicherheit und Ordnung zu sorgen. Ja, der « Fußball » sorgt für Integration und Gemeinschaft, aber vor allem im kleinen Bereich. Mit Millionen Ausländer zu verpflichten und als « Integration » zu verkaufen hinterlässt einen schalen Beigeschmack. Nein, den Fußball an den Pranger zu stellen und nur von ihm Geld zu verlangen – das ist blinde Strafe für Erfolg.

Rainer Kalb

Wenn die Vereine und ihre offizielle Vertretung, die Deutsche Fußball Liga, sich regelmäßig vor der Klagemauer versammeln, geht einem das allmählich auf die Nerven. Die Premier League mit ihrem vielen Geld sei Schuld daran, dass die Bundesliga international nicht mehr mithalten könne, heißt es wie aus einem Munde. Deshalb müsse der Kommerz zunehmen, die Tradition weichen, die Eintrittspreise erhöht, Fanartikel teurer werden, Fernsehen und Sponsoren mehr bezahlen, um mehr Geld in die Kassen zu spülen, damit mehr Stars in die Bundesliga gelockt werden könnten.
Das Argument ist grober Unfug und nur Vorwand zur Geldschneiderei. In Wirklichkeit profitiert die Bundesliga von den Geldern der Premier League.
Das letzte und prägnanteste Beispiel war Borussia Dortmund. Wer, wenn nicht ein englischer Verein, hätte für einen alternden Störenfried wie Pierre-Emerick Aubameyang über 60 Millionen Euro auf den Tisch des Hauses geblättert ? Und wer, wenn nicht ein englischer Verein, hätte einen Michy Batshuayi, der zur Premiere in Köln mal gleich zwei Tore schoss, als Ersatz an Dortmund ausgeliehen ?
Der Bundesliga kommt der Umstand zugute, dass die Engländer von ihrem massenhaft vorhandenen Geld Hinz und Kunz kaufen und ihre Kader dann aufgebläht sind. Da ist es in ihrem Interesse, Spieler, die es nicht aufs Feld schaffen, von der Gehaltsliste zu bekommen, und, statt sie auf der Bank « verhungern » zu lassen, der sportlich ja durchaus interessanten Bundesliga die Aufgabe zuzuweisen, diese weiter zu bilden.
Auch für die Bundesliga sind die Leihgeschäfte durchaus interessant, denn sie erhalten in der Regel Verstärkungen und gehen kein großes finanzielles Risiko ein. Dass es der Eitelkeit vieler Vereinspräsidenten nicht passt, Spieler von der Resterampe holen zu müssen, statt sich mit Weltstars schmücken zu können, steht auf einem anderen Blatt. Dem Bundesliga-Fußball jedenfalls schaden überteuerte Transfers nach England und lukrative Leihgeschäfte im Gegenzug nicht. Deshalb, Ihr Herren Macher : Immer mehr Kohle zu verlangen (« Abschaffung 50+1 ») ist ein Holzweg. Es geht eben auch anders.
Diese Leihgeschäfte mit England treiben manchmal skurile Blüten. Westham United hatte Verteidiger Reece Oxford im Sommer für die Hinrunde an Borussia Mönchengladbach ausgeliehen und beorderte ihn zu Weihnachten wieder auf die Insel zurück. Am 31. Januar teilte die Borussia mit, dass der 19-Jährige sich bis Saisonende erneut am Niederrhein niederlassen werde. Was dazu wohl die noch zu bildende Bundesregierung sagen würde, die um die Berechtigung einer gewissen Art von Zeitverträgen ringt ?
Oder Ademola Lookman. Der kam letzte Woche aus Everton nach Leipzig, hatte nur ein Paar blaue Noppenschuhe dabei und rutschte in Mönchengladbach auf dem seifigen Rasen mehr, als dass er Fußball spielte. Aber in der vorletzten Minute gelang ihm das einzige Tor des Tages.
Wenn rutschender Ersatz aus England erfolgreicher ist als deutsche Nachwuchs-Elite, dann, ja dann liegt das nicht am fehlenden Geld. Ralf Rangnick hat dazu in der letzten Woche ein paar Takte gesagt und der Bundesliga die Leviten gelesen. Aber das ist ein anderes Thema.

Rainer Kalb

Die Schweizer sind bekanntlich ein Bollkwerk der Meinungsfreiheit. Nun hat sich Dortmunds Schweizer Torhüter Roman Bürki gegen Tausende von Zuschauer gestellt, die Borussia Dortmund nach dem 2:2 gegen Freiburg ausgepfiffen haben.
Die sollten lieber zu Hause bleiben, statt zu pfeifen, war seine Meinung. Schade nur, dass er sie aufgrund der Vereinsführung kurz danach auf Instagram zurück genommen hat. Doch nicht so meinungsstark.
Dürfen Zuschauer gegen die « eigene » Mannschaft pfeifen ? Natürlich dürfen sie. Die Spieler haben via Verein, der die Eintrittskarten auf Haupt- und Gegentribüne für mehr als 100 Euro verkauft, versprochen, eine Gegenleistung zu bringen. Wenn die nicht erbracht wird, darf der Kunde seinen Unmut äußern. Bürki kann froh sein, dass er wegen seines Stellungsfehlers beim Freiburger 40-Meter-Tor nicht auf Schadensersatz verklagt wird.
Fußball-Fans sind schließlich nicht brutal. Sie pfeifen nur. Wenn Bürki die Wahrheit nicht hören will und wünscht, die Fans, sie sollten zu Hause bleiben, sollte er selber höchstpersönlich die Pappkameraden finanzieren, die Vorstandsmitglied Watzke aufstellen müsste, um den TV-Kameras ein volles Stadion vorzugaukeln, mit dem sich die Fernseheinnahmen und damit auchürkis Gehalt rechtfertigen lassen
Was wünscht sich ein Bürki denn ? Es gibt einen alten Bühnenwitz, in dem sich ein Kenner in ein Provinztheater verirrt. Der Tenor singt jämmerlich, und trotzdem fordern die Zuschauer frenetisch ein « Da Capo » - noch einmal. Der Gast wendet sich einem Abonennten zu und fragt : 'Was soll das denn ? Der singt doch jämmerlich !' Antwortet der Stammgast : 'Heute machen wir ihn fertig'.
Hätte Bürki nach seinem ungewollten und vielleicht auch unvermeidbaren Stellungsfehler donnernden Applaus erwartet, um mehr solche Situationen zu provozieren und ihn « fertig » zu machen ? Wohl nicht.
Die Spieler dürfen nicht vergessen, dass sie nicht für ihre Arbeit gerecht entlohnt werden, sondern für das Spektakel, das sie bieten. Wenn das unterirdisch bleibt, darf der Kunde auch mal seinen Unmut äußern. Ihm zu empfehlen, stattdessen samstags nachmittags lieber zu C&A, H&M oder Kaufhof zu gehen, wird letztlich dem eigenen Geldbeutel schaden. Brüderchen, Brüderchen, Du gehst einen schweren Gang.

Rainer Kalb

Der renommierte Sportjournalist Rainer Kalb (63) ist das 62. Mitglied der Lippe-Fohlen geworden. Er wird in Zukunft für uns jeden Dienstag das aktuelle Fußball-Geschehen, auch über unsere Borussia hinaus, kommentieren.

Ein Beitrag von ihm für das Buch "Gesichter der Nachhaltigkeit".