Es ist an der Zeit, die Fußball-Fans unter den doch überwiegend bayrischen Lesern der TZ heute Abend einmal um Unterstützung für den am Ende des letzten Jahrtausends  gewesenen Erzrivalen Borussia Mönchengladbach zu bitten. Denn es geht zwar nicht um die Zukunft des FC Bayern, sondern um die des deutschen Fußballs.
Die Situation ist nämlich die : Die Europäische Fußball-Union (UEFA) hat in ihrer unendlichen Weisheit, unbeeinflusst von Skandalen, Skandälchen, Vereinsinteressen, Geldmacherei ein « sportliches » Kriterium eingeführt, um zu bestimmen, wer an der Champions League teilnehmen darf. Das nennt sich Fünfjahreswertung. Sollte Mönchengladbach gegen Young Boys Bern gewinnen, gibt das einen Punkt. Sollte die Borussia dadurch in die Champions League rutschen, in der Bayern, die andere Borussia und Bayer (ohne « n ») sich bereits befinden, gibt das weitere vier « Bonuspunkte ».
So viel zum sportlichen Wert eines Sieges im Vergleich dazu, wie die Großen sich von vornherein abkapseln wollen.
Nur für Mathematiker unter den Lesern : Die Zahl der erreichten Punkte, zwei pro Sieg in der Gruppenphase, einer bei Unentschieden, wird zur Ermittlung der UEFA-Rangliste durch die Zahl der Starter geteilt. Ein Sieg von Mönchengladbach heute Abend (Qualifikatonsspiele zählen nur die Hälfte ; es gilt die frühere Zwei-Punkte-Regelung) wäre also 1:7, demnach 0,142 Punkte für die Bundesliga wert – die Quali für die CL allerdings (4:7) brächte 0,571.
Wie der Name Fünfjahreswertung schon besagt : Irgendwann wird ein Jahr gestrichen. Dieses Mal ist es die Saison 2011/12, die in Vergessenheit gerät, mathematisch gesehen. Deutschland, noch Zweiter (vor England, hinter Spanien), verliert 15,250 Punkte, der  Vierte Italien aber nur 11,357. Und ab dem Abrutschen auf Platz vier geht ein Startplatz in der Champions League flöten. Deshalb wären die 0,571 Punkte der Gladbacher nicht für den ewigen Meister Bayern, aber für die Bundesliga an sich so wichtig.
Dies auch, weil die Punkte pro Runde durch die Zahl der ursprünglich gestarteten Vereine dividiert werden. Da Hertha BSC Berlin bereits rausgeflogen  ist, können die sechs verbliebenen Europacup-Telnehmer selbst bei sechs Siegen in der Gruppenphase bei der UEFA nur 1,714 Punkte gut machen (12:7) und eben – ohne Hertha-Siege – nicht 2,000. Da aber nicht alle die Champions- und Europa-League durchfliegen werden, wären die Bonuspunkte von Mönchengladbach so wichtig.
Die Vereinigung Europäischer (Spitzen)Klub-Mannschaften unter Vorsitz von Karl-Heinz Rummenigge hat übrigens schon eine Reform der europäischen Klubwettbewerbe auf die Tagesordnung der nächsten Generalversammlung  im September gesetzt. Da soll es nicht um  eine Abspaltung (« Superliga Europa ») gehen, sondern um mathematische Vereinfachung – also um's Geld.

Rainer Kalb

Markus Weinzierl ist einzigartig. An ihn reichen kein Udo Lattek heran, kein Jupp Heynckes, kein Ernst Happel, kein Hennes Weisweiler.
Es ist ja immer wieder mal vorgekommen, dass Trainer wegen Erfolglosigkeit entlassen wurden; über 200 Mal in der Bundesliga. Der erste war übrigens Herbert Widmayer im Oktober 1963 beim 1. FC Nürnberg, als die Bundesliga gerade einmal drei Monate alt war. Don Jupp erhielt die Papiere sogar nach einem Gewinn der Champions League mit Real Madrid.
Ralf Rangnick wegen eines Burnout, Armin Veh und Lucien Favre wegen erwiesener Erfolglosigkeit warfen freiwillig das Handtuch.
Doch jetzt macht sich ein neuer Trend breit in der Bundesliga. Nicht nur die Spieler erkennen keine unterschriebenen Verträge mehr an, geschweige denn kennen sie Vereinstreue. Neuerdings gibt es auch einen Transfermarkt für Start-Up-Trainer.
Bayer Leverkusen machte den Anfang, als der Verein1,5 Millionen Euro für Roger Schmidt an RB Salzburg überwies. Ralph Hasenhüttl zieht für gleichfalls 1,5 Millionen von Aufsteiger Ingolstadt zu Aufsteiger Leipzig weiter. In beiden Fällen war Ralf Rangnick der Strippenzieher.
Im Fall Weinzierl sind die Verhältnisse ein wenig anders, nicht nur wegen der Summe, die kolportiert wird (zwischen drei und fünf Millionen Euro). Da ist es der Präsident, der mit einem neuen Manager (Christian Heidel) und dem 20. Trainer seit 2001 den x-ten Neuanfang versuchen will. Clemens Tönnies, gerade 60 geworden, hält offensichtlich nichts vom Begriff Fußball-Lehrer. Der Schlachter aus Rheda-Wiedenbrück führt seine Trainer eher vorliebend zur Schlachtbank. Ist ja sein Beruf.
Wenn Weinzierl das lieber mag, als in der Fuggerstadt sein Geld zu verdienen -  sein Problem. Für die Branche bleibt nur festzuhalten: es besteht nicht nur ein Spieler-Transfermarkt, es entsteht auch ein Trainer-Transfermarkt. Früher sprangen die Slomkas und Neururers dieser Welt mal vom Karussell ab und dann wieder drauf. Heute dienen sie allenfalls als Unterhaltungskünstler bei Reiseunternehmen oder Showveranstaltungen. In der Bundesliga ist kein Platz mehr für sie.
Der Trend geht weg vom alt bewährten, hin zum glitzernd Neuen. Koste es, was es wolle. Und die Trainer genießen ihre neue Rolle als umschmeichelte Stars. Wenn sich ein Weinzierl wie ein Schweinsteiger fühlen darf...

Rainer Kalb

Diese Meinung mag überraschen, denn sie ist gegen den Strich gebürstet. Aber für mich kommt das CAS-Urteil im Fall Platini – vier Jahre Sperre – einem Freispruch gleich.
Erst war über lebenslänglich spekuliert worden, dann wurden es acht, dann sechs, jetzt vier. Na und?
Im Gegensatz zum 79-jährigen Sepp Blatter, dessen Verhandlungstermin vor der CAS in Lausanne noch nicht einmal fest steht, hat der Fußball-Funktionär Platini mit gerade erst 60 Jahren seine gesamte Funktionärskarriere schließlich noch vor sich. Und mit zwei Millionen Fränkli lässt es sich ja wohl vier Jahre lang auskommen, oder?
Platinix ist wie Obelix in einen Zaubertrank gefallen. Keiner kann ihn aufhalten. Er ist angeblich für FIFA und UEFA in vier Jahren ein für allemal erledigt? Sei’s drum; er lacht drüber.
Hat schon jemals jemand über einen Vereinspräsidenten Platini nachgedacht? Es ist schließlich nicht so, dass der dreimalige Fußballer Europas als Funktionär nix geleistet hätte. Da wäre die Öffnung der Champions League für Meister aus kleinen Ländern. Das macht, in der Tat, die Gruppenphase langweiliger, pumpt aber wenigstens ein paar Millionen zu den Benachteiligten – auch wenn die Großen immer noch die Sahne absahnen.
Da wäre die Zentralvermarktung der EM- und WM-Qualifikationsspiele. Da wäre die Einführung eines Nationen-Cups. Da wären die Nationalmannschafts-Wochen mit Spielen von donnerstags bis dienstags. Glaubt jemand ernsthaft, ein solch dynamischer Mann, vor Ideen und von Beziehungen sprudelnd, würde sich in den Zwangsruhestand versetzen lassen?
Es seien an dieser Stelle zwei Thesen gewagt. Erstens: Platinix wird sehr schnell im französischen Fernsehen als „Experte“ auftauchen. Vermutlich bei Be in Sports, dem Sender aus Katar. Immerhin hat Platini sich offen zu seiner Stimmabgabe für Katar rund um die WM 2022 bekannt. Ein wenig Dankbarkeit dürfte da schon sein. Und man kann einen Platini ja auch nicht darben lassen.
In vier Jahren, also 2020, wäre dann der Weg frei für die Rückkehr in eine aktive Funktionärsrolle. Die Verbände sind ausgeschlossen. Aber wie wäre es, Präsident von Paris St. Germain zu werden? (Gehört Katar). Als Alternative böte sich noch Fiat-Agnelli-Juventus an, wo Platoche seine besten Jahre verbracht hat. Jedenfalls würde er die Sponsoreneinnahmen und die Medienreichweite beider Klubs erheblich steigern.
Ein Platini braucht keine UEFA, keine FIFA. Er fällt immer wieder auf die Füße. Obelix ist eine Comic-Figur, aber Platinix lebt. Und aus Nix hat er verdammt viel gemacht.

Rainer Kalb

Bei Hertha BSC Berlin war Änis Ben-Hatira noch in eine Schlägerei mit einem Mannschaftskameraden verwickelt gewesen, weswegen ihn der Hauptstadtklub im Januar möglichst rasch an Eintracht Frankfurt verkaufte. Der Tunesier hatte Besserung gelobt, doch jetzt ist er schon wieder in ein Fettnäpchen getreten.
„Ich bin doch nicht doof“, erkärte er, nachdem er ein Foto aus einer Arztpraxis geposted hatte, das diverse Spritzen, Ampullen und wohl auch ein zum Doping verwendbares Mittel auf dem Arztschreibtisch zeigte.
Eintracht Frankfurt beeilte sich zu erklären, das Foto sei weder bei der Eintracht noch beim Frankfurter Mannschaftsarzt entstanden, aber an der Aussage „Ich bin doch nicht doof“ kann gleichwohl gezweifelt werden. Welcher Otto Normalverbraucher kommt schon auf die Idee, einen mit Medikamenten übersäten Schreibtisch zu fotografieren und das Bild dann auch noch in die sozialen Medien zu stellen?
Noch gravierender ist der Fall des beim FC Liverpool unter Vertrag stehenden französischen Nationalspielers Mamadou Sakho. Der Innenverteidiger verzichtete gleich auf die B-Probe und kann sich jetzt die Teilnahme an der Europameisterschaft wohl abschreiben. Er hatte einen auf der Dopingliste stehenden Fettverbrenner zu sich genommen, um abzunehmen. Wie schlecht muss eigentlich das Training von Jürgen Klopp sein, wenn einer seiner Spieler ein Dopingmittel braucht, um abzunehmen?
Auch wenn FIFA und UEFA meist 100 Prozent Negativ-Proben in die Welt hinaus trompeten, fällt es immer schwieriger zu glauben, dass der Profifußball der einzige nicht vom Doping durchsetzte Spitzensport sein soll. Schon in den 70-er Jahren, als die deutschen Mannschaften in den Europapokalen von Triumph zu Triumph eilten, wurde vor den internationalen Spielen und danach immer wieder mal von Captagon geraunt.
Von Freiburg aus sind natürlich nie Fußballer bedient worden. Eufemiano Fuentes hat nur Radfahrern geholfen, in Russland sind nur Leichtathleten betroffen. Komisch nur, dass jetzt sogar die nationale englische Antidoping-Agentur in Erklärungsnotstand geriet.
Aber vielleicht hat Ben-Hatira ja doch Recht, wenn er beteuert, nicht doof zu sein. Vielleicht sind Athleten und Ärzte nur raffinierter als alle Kontrolleure. Soll ja nicht nur im Bereich des Dopings vorkommen.

Rainer Kalb

Der vor einigen Wochen neu gewählte FIFA-Präsident Gianni Infantino ist ein weltgewandter Mensch, der mit seinen 46 Jahren zwischen sechs und acht Sprachen beherrscht. So einer kann jonglieren, und wenn er jahrelang dem UEFA-Präsidenten Michel Platini unterstellt war, wird er das besonders gut können.
Jetzt ist er durch de Panama Papers ins Zwielicht geraten. Er habe, so der Verdacht, die Champions League in Südamerika zu billig verkauft.
Die Verteidigungslinie, es habe nur zwei Angebote gegeben und das bessere habe den Zuschlag erhalten, mag nachvollziehbar sein. Dennoch wirft sie einige Fragen auf.
Wenn die Rechte für 111.000 Dollar für das Territorium von Ecuador verkauft wurden, ist die Champions League dort wohl nicht viel wert. Wenn ein Zwischenhändler sie für das fast dreifache an einen Sender verkauft hat, stellt sich die Frage, weshalb die UEFA nicht selber mit dem Sender verhandelt hat, sondern eine Schweizer Marketing-Agentur  beauftragte, mit einem argentinischen Rechtehändler den Weiterverkauf nach Ecuador zu makeln.
Dann schwirrt Infantino in Beckenbauer’sche Dimensionen ab, der bekanntlich nach eigenem Bekunden alles „blind“ unterzeichnet hat. Es gebe 1000 Verträge, die seine, Infantinos, Unterschrift tragen; es sei alles zuvor von den Divisionen geprüft worden. Divisionen!  Tja, weshalb ist man Generalsekretär eines millionenschweren Verbandes? Um nichts mehr zu lesen? 
Wenn Otto Normalverbraucher oder Sonja Mustermann einen Vertrag über beispielsweise einen Ratenkredit unterzeichnen, lesen sie, falls sie verantwortungsbewusst handeln, schließlich auch das Kleingedruckte.
Die Leute, mit denen Infantino die UEFA-Verträge abgeschlossen hat, sind inzwischen wegen Korruption angeklagt und haben dem Schweiz-Italiener so indirekt den Aufstieg auf den FIFA-Thron ermöglicht. Infantino heißt übersetzt „das Kleinkind“. Wenn jemand mit 46 sich in Millionengeschäften noch kindisch oder kindlich verhält, ist das kein gutes Zeichen.
Giovanni Infantino ist, jenseits aller möglichen strafrechtlichen Vorwürfe, schon beschädigt, kaum dass er begonnen hat. Und das ist schade.

Rainer Kalb

Der renommierte Sportjournalist Rainer Kalb (63) ist das 62. Mitglied der Lippe-Fohlen geworden. Er wird in Zukunft für uns jeden Dienstag das aktuelle Fußball-Geschehen, auch über unsere Borussia hinaus, kommentieren.

Ein Beitrag von ihm für das Buch "Gesichter der Nachhaltigkeit".