Alle Bundesligisten fiebern dem Montag, 1. Januar entgegen. Dann darf wieder verkauft, verschachert, gepokert die Kasse aufgefüllt werden. Der Spielermarkt ist wieder eröffnet. Natürlich ist schon vorher verhandelt worden (Wagner, Gomes und andere), aber erst am 1. Januar findet der Pferdemarkt wieder offiziell statt.
Abgesehen von den Situationen, in denen Langzeitverletzte ersetzt werden müssen (und auch da ist fraglich, ob Verletzungen nicht zum Geschäft gehören und unter « Pech » abgebucht werden müssten), zeigt die angebliche Notwendigkeit dieses Winterschlussverkaufes, wie oberflächlich und leichtfertig einige Manager im Sommer ihrer Aufgabe nachgekommen sind. Berlin, Hoffenheim und Köln, die jetzt ja nicht mehr mit dem Argument « Doppelbelastung durch Europa » argumentieren können, dürften im Winter eigentlich überhaupt nicht transferieren. Jeder Transfer im Winter ist das Eingeständnis eines Irrtums.
Mal zynisch gesagt : Wer heute eine Dauerkarte für seinen Verein kauft – und davon gibt es schließlich Hunderttausende - erwirbt eine Mogelpackung, deren Hersteller in der freien Wirtschaft schon einige Behörden auf den Plan gerufen hätte.
Was ist das für ein « sauberer sportlicher Wettbewerb » in dem zwei Spieltage nach Beginn Spieler noch wie Dominosteine hin- und hergeschoben werden ? Was ist das für ein « sauberer sportlicher Wettbewerb », in dem drei Spieltage nach Beginn der Rückrunde Spieler noch wie Dominosteine hin- und hergeschoben werden ? An fünf von 34 Spieltagen erhält der Fan eine Mogelpackung. Das sind fast 15 Prozent der Spieltage. Die Wettmafia würde sich über solch eine Quote freuen.
Die Lösung kann nur heißen : Die FIFA mag Transferperioden festlegen wie sie will : Wenn die Bundesliga startet, sind Einkäufe verboten. Wer bis dahin seine Hausaufgaben nicht gemacht hat, hat versagt. Er kann ja noch nach Russland verscherbeln. Dort endet die Transferperiode erst am 24. Februar.
Alle großen europäischen Fußball-Nationen haben identische Transferperioden, egal, wann die Meisterschaft beginnt. Klar, es muss ja noch bis kurz vor Mitternacht gepokert werden können.
Kürzlich wurde FIFA-Präsident Giani Infantino von Prankreichs Präsident Emmanuel Macron empfangen. Nicht aus Höflichkeit, sondern weil der Olympique Marseille-Fan dem Beherrscher des Weltfußballs ins Gewissen reden wollte.
Kleinlaut hat Infantino im Elysée-Palast dem französischen Präsidenten ein 11-Punkte-Programm zur Regulierung der Transferpraxis vorgelegt. Die revolutionärste : Der Wert eines Spielers soll vor Beginn einer Transferperiode festgelegt werden, um Verhandlungen wie auf einem Basar zu vermeiden.So will Infantino einen Eingriff der EU in die Transferregelungen vermeiden, denn schon das Bosman-Urteil der Politik 1995 war ein Desaster für den Fußball. Aber ob die « Fußball-Familie » Infantino folgen wird, steht mehr als dahin. Worte eines FIFA-Präsidenten sind Schall und Rauch, und das wird auch OM-Fan Macron wissen.

Rainer Kalb

Seit einer Halbserie wird der Videobeweis getestet, und der Abschluss der Hinrunde gibt den Anlass, eine Zwischenbilanz zu ziehen.
Zunächst einmal müssen die Trennlinien schärfer gezogen werden. Darf ein Video-Assistent sich einmischen, wenn und wann er will oder muss der Schiedsrichter einen Beweis anfordern ?
So oder so leidet die Autorität des Richters. Entweder, ein noch höherer Richter korrigiert ihn, oder er gibt Unsicherheit und Unschlüssigkeit zu. Damit fällt ihm zwar kein Zacken aus der Krone, aber ein Schiedsrichter ist nicht mehr das, was er war : Gottvater. Gegen die Urteile von weltlichen Richtern lässt sich Berufung einlegen, gegen ein Gottesurteil bislang nicht.
Ist es ein Zufall, dass seit dem Videobeweis Eifersüchteleien untereinander, gegenseitige Vorwürfe an die Öffentlichkeit dringen ? Vom einstigen Korpsgeist ist nicht mehr viel zu spüren. Jetzt brauchen die Schiedsrichter in ihrem Winter-Trainingslager schon zwei Psychologen, um wieder zu sich selber zu finden. Ja, ja, der Videobeweis setzt dem Selbstbewusstsein ganz schön zu.
Er hat auch den Fußball massiv verändert. Früher konnten wir Fans nach einem Tor noch spontan jubeln. Jetzt muss die Freude oft für nervenzehrende Sekunden oder Minuten unterdrückt werden – und spontan ist sie dann nicht mehr. Nur noch Pflicht, die zum Ritual gehört.
Die Spieler sollten Pfiffe des Schiedsrichters ignorieren und einfach weiterspielen. Kann ja sein, dass es doch kein Abseits war und das Tor zählt. Auch wer vom Platz fliegt, sollte nicht sofort unter die Dusche verschwinden. Könnte sein, dass er wieder zurück geholt wird.
Kein Bedauern ist allerdings bei der Wettmafia angebracht Die leidet tatsächlich unter dem Videobeweis, weil Schiedsrichterbestechung viel schwieriger geworden ist.
Wird der Fußball durch den Videobeweis « gerechter »? Für mich nicht. Zu oft « beweisen » die Bilder gar nichts, sondern bleiben auch aus der x-ten Kameraperspektive Interpretationssache – eben wie ein Deutschaufsatz und kein Dreisatz im Rechnen.
Die Diskussionen sind seit Sommer nicht weniger geworden, nur anders. Ehrlich gesagt war es mir lieber, als der Schiedsrichter noch alleine (falsch) entschieden hat. Da wusste man wenigstens sofort, woran man war. Und dieser Augenblickdes Fatalen, des Endgültigen, des Unverrückbaren machte auch einen Teil der Faszination Fußball aus.

Rainer Kalb

Carsten Schmidt ist der Kragen geplatzt. Und womit ? Mit Recht. Natürlich bleibt der Sky-Chef ein höflicher Mensch und ein diplomatischer dazu. Vielleicht hat er deshalb den Unmut über seine « Partner », die Profivereine, in einem Magazin geäußert, dass kein Aas unter den normalen Zeitungslesern oder Fußballfans kennt. GQ. Aber Schmidt wusste auch, dass seine hauseigene PR-Abteilung sehr rege ist und professionnelle Journalisten seine Botschaft in die (deutsche) Welt hinausposaunen würden . Die Vereine sind Wilderer im Bereich der Jäger.
Der Jäger : Das ist Sky. Der Jahr für Jahr mehr Millionen in die Rachen der Vereine pumpt und trotzdem Rechte an Eurosport verliert. Aber das ist ein anderes Thema.
Thema hier und heute ist, dass die Vereine mit klubeigenem Fernsehen die Wilderer sind. Unredlich Geld verdienen wollen. Wenn Fans so bescheuert sind, für Propaganda auch noch freiwillig Geld zu bezahlen, ist das eine Sache. Wenn aber für fairen Journalismus keine Zeit mehr ist, weil die Profis neben ihrer Arbeit für Propaganda zur Verfügung zu stehen haben, dann ist da eine Reißleine gezogen.
Ein Beispiel : Bei der WM 1986 in Mexiko – als die Mexico-Hilfe der DFB-Stiftung Egidius Braun dank einer 5000-DM-Spende von Rudi Völler gegründet wurde – durften zum letzten Mal Journalisten und Nationalspieler unter einem Dach wohnen. Ich wollte ein Interview mit Hans Peter Briegel (Die Walz aus der Pfalz) machen. Er bat mich auf sein Zimmer. Wir haben viel gelacht.
Seinerzeit gab es noch Pressesprecher, die ihren Namen verdienten. Heute gibt es nur noch Presseabteilungen, die nicht mehr dienen, sondern nur der Direktion Marketing untergeordnet sind. Verlautbarungssprecher. Weshalb wurden denn Markus Hörwick (FC Bayern) oder Harald Stenger (DFB) ehrenhaft gefeuert ?
Schmidt hat mit seiner messerscharfen, freundlich verbrämten, Analyse Recht : Wer steht für Journalismus, wer für Propaganda ? Wie viel Zeit wird dem einem gewährt, wie viel Zeit dem anderen genommen?
Am Ende ist es eine Entscheidung der Politik : Wer die Inhalte hat (Profivereine) darf nicht auch noch die Verbreitungskanäle betreiben (eigene TV-Kanäle). Amazon verschickt schon alles und produziert jetzt eigene Fernsehserien. Zu sehen nur bei Amazon.
Die Idee von einem eigenen Bundesliga-Kanal ist tot. Jetzt betreibt jeder Verein seinen eigenen Kanal. Sie kriegen den Kanal eben nicht voll.
Wie den Verfall zwischen Propaganda und Journalismus stoppen ? Sky müsste den Geldhahn zurück schrauben, um die Vereine und ihre Marketing-Agenten wieder zur Vernunft zu zwingen. Aber dazu ist wohl nicht einmal Chef Schmidt bereit. Klagen im leeren Raum. Bei GQ.

Rainer Kalb

Bei der Fußball-Weltmeisterschaft, die sich zwei Wochen lang mit überwiegend gähnend langweiligen Vorrundenspielen quälen wird, ehe es zu Entscheidungen kommt, muss die deutsche Nationalmannschaft Tausende von Kilometern vor- und zurücklegen, um zu ihren Spielorten zu gelangen. Immerhin : Die Löw-Truppe hat den Vorteil, dass zwischen den Spielen mindestens drei Ruhe-/Reisetage liegen.
Den nicht auf solchen Rosen gebetteten Freiburgern ergeht es anders. Denen werden im Abstiegskampf von der Deutschen Fußball Liga Knüppel zwischen die Beine geworfen.
Weil Tabellenschlusslicht 1. FC Köln am Donnerstag noch ein Spiel in der Europa League bei Roter Stern Belgrad hat, darf der immer von einem Mediengewitter begleitete Karnevalsverein sein Heimspiel gegen die Freiburger erst am Sonntag austragen.
Natürlich konnte die DFL bei der konkreten Gestaltung der Spieltage 15 und 16 von der Sinnlosigkeit der Reise des Traditionsvereins ins gewesene Jugoslawien nichts wissen. Weshalb aber müssen die Freiburger schon nur 55 Stunden später daheim gegen Mönchengladbach antreten ? Weshalb wurden Heim- und Auswärtsspiel mit Mönchengladbach nicht einfach getauscht, so dass die Breisgauer hätten im Westen bleiben können ? Aber nein, aus Deutschlands Südwesten ist ja kein Gewitter zu erwarten. Allenfalls ein fernes Grollen.
Das Ganze zeigt wie ein Blitzschlag den wesentlichen Fehler im System : Es gibt zu viel Fußball, und den wegen der Fernseheinnahmen über zu viele Zeitfenster verteilt. Glaubt ernsthaft jemand, dass Köln – Freiburg um 13.30 Uhr in Asien zur besten Sendezeit jemanden interessiert ? Die DFL macht sich mit ihrer Ansetzung selber lächerlich. Den Freiburgern zu erzählen, man habe zu ihrer Entlastung den frühestmöglichen Termin in Köln angesetzt, ist nur noch zynisch.
Zur Erinnerung : Das letzte Mal, dass zwei Mannschaften innerhalb von 48 Stunden (plus sieben für Freiburg) antreten mussten, waren 1986 Bayer Uerdingen und Eintracht Frankfurt – vor der WM in Mexiko.
Jetzt mag die DFL darauf verweisen, dass die Ansetzungen im Handball noch lächerlicher sind. Da mussten irgendwelche « Löwen » aus Mannheim in Leipzig und 25 Stunden später in Barcelona antreten.
Irgendwie bedeutet das Ganze doch nur eins : Irgendwann verkommt der Sport zum Zirkus und der zahlende Zuschauer wird betrogen. Die Manager von Mannheim hatten erwogen – Rotation, Rotation ! - , die 3. Mannschaft nach Barcelona zu schicken und so die Fans zu foppen. Die Sportler haben sich erfolgreich dagegen gewehrt. Das zeigt eins : Noch immer siegt der Sport über geldgierige Haie und dopingwillige Sünder sowie korrupte Funktionäre.
Aber vielleicht ist das naives Denken eines Wesens, das noch an Illusionen glaubt. Ein Sportjournalist, eben.

Rainer Kalb

Der Fußball-Weltverband FIFA betrachtet sich im Gegensatz zum Vatikan nicht als Mitglied dieser Welt, sondern als über allem schwebend. Papst Franziskus hat ja immerhin den übermäßigen steuerfreien Zigarettenverkauf im Vatikan verboten und ist in feindliches Land (Myramar ; Buddhismus / Bangladesh, Islam) gereist.
Aber die FIFA ? Macht das Kinderspiel mit den drei Affen. Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen. Zwar werden am Freitag in Moskau mit großem Pomp die WM-Gruppen ausgelost, aber das Entscheidungen darüber fallen, wie die FIFA mit russischem Staatsdoping umgeht, damit ist nicht zu rechnen – darauf kann gewettet werden.
Den Vorwürfen werde nachgegangen hieß es im Juni bereits vage. Es darf vermutet werden, dass sich das « Nachgehen » bis nach der WM im nächsten Jahr hinzieht. Zwar stammen die Vorwürfe vom früheren Laborchef Grigorij Rodtschenkow, der sich vom Saulus zum Paulus gewandelt hat und jetzt unerkannt in den USA lebt. Aber flächendeckes Doping im Fußball ? Unter Mitwissen oder gar auf Geheiß des Vize-Premiers Witali Mutko, auch Präsident des russischen Verbandes ? Es kann nicht sein, was nicht sein darf.
Wenn, wie der « Enthüller » behauptet, alle 23 Spieler des WM-Kaders 2014 gedopt waren, dann müssten diese gesperrt werden. Damit wäre ein Großteil des Kaders für die Heim-WM auf Eis gelegt. Das Team müsste mit unverdächtigen Reservespielern aufgefüllt werden. Da aber das A-Team in der letzten Zeit schon keine Bäume ausgerissen hat, wäre die Stimmung in den Stadien eisig und, im schlimmsten Fall, Russland nach der Hälfte der WM nur noch Zuschauer im eigenen Land. Solch ein Desaster wird sich die FIFA wohl kaum leisten wollen und Russland wird Mittel und Wege finden, sich das nicht bieten zu lassen.
Dabei argumentieren Puristen, die noch an das Ehrliche im Sport glauben, viel rigoroser : Wenn es in Russland ein systematisches, vom Staat verordnetes Doping gegeben haben sollte, dann müsste eigentlich der Verband von der Weltmeisterschaft ausgeschlossen werden. Eine WM in einem Land, das selbst nicht mitspielen darf, aber alle Organisationskosten trägt, alle Sicherheitskosten, alle Transportkosten für die Mannschaften : Das kann selbst der kühnste Phantast sich nicht vorstellen.
Es wird zu Zweifeln an den Beschuldigungen kommen, zu Gutachten, zu Gegengutachten, zu Vertagungen, und im August 2018 scheint dann wieder die Sonne.

Rainer Kalb

Der renommierte Sportjournalist Rainer Kalb (63) ist das 62. Mitglied der Lippe-Fohlen geworden. Er wird in Zukunft für uns jeden Dienstag das aktuelle Fußball-Geschehen, auch über unsere Borussia hinaus, kommentieren.

Ein Beitrag von ihm für das Buch "Gesichter der Nachhaltigkeit".