Wenn die Vereine und ihre offizielle Vertretung, die Deutsche Fußball Liga, sich regelmäßig vor der Klagemauer versammeln, geht einem das allmählich auf die Nerven. Die Premier League mit ihrem vielen Geld sei Schuld daran, dass die Bundesliga international nicht mehr mithalten könne, heißt es wie aus einem Munde. Deshalb müsse der Kommerz zunehmen, die Tradition weichen, die Eintrittspreise erhöht, Fanartikel teurer werden, Fernsehen und Sponsoren mehr bezahlen, um mehr Geld in die Kassen zu spülen, damit mehr Stars in die Bundesliga gelockt werden könnten.
Das Argument ist grober Unfug und nur Vorwand zur Geldschneiderei. In Wirklichkeit profitiert die Bundesliga von den Geldern der Premier League.
Das letzte und prägnanteste Beispiel war Borussia Dortmund. Wer, wenn nicht ein englischer Verein, hätte für einen alternden Störenfried wie Pierre-Emerick Aubameyang über 60 Millionen Euro auf den Tisch des Hauses geblättert ? Und wer, wenn nicht ein englischer Verein, hätte einen Michy Batshuayi, der zur Premiere in Köln mal gleich zwei Tore schoss, als Ersatz an Dortmund ausgeliehen ?
Der Bundesliga kommt der Umstand zugute, dass die Engländer von ihrem massenhaft vorhandenen Geld Hinz und Kunz kaufen und ihre Kader dann aufgebläht sind. Da ist es in ihrem Interesse, Spieler, die es nicht aufs Feld schaffen, von der Gehaltsliste zu bekommen, und, statt sie auf der Bank « verhungern » zu lassen, der sportlich ja durchaus interessanten Bundesliga die Aufgabe zuzuweisen, diese weiter zu bilden.
Auch für die Bundesliga sind die Leihgeschäfte durchaus interessant, denn sie erhalten in der Regel Verstärkungen und gehen kein großes finanzielles Risiko ein. Dass es der Eitelkeit vieler Vereinspräsidenten nicht passt, Spieler von der Resterampe holen zu müssen, statt sich mit Weltstars schmücken zu können, steht auf einem anderen Blatt. Dem Bundesliga-Fußball jedenfalls schaden überteuerte Transfers nach England und lukrative Leihgeschäfte im Gegenzug nicht. Deshalb, Ihr Herren Macher : Immer mehr Kohle zu verlangen (« Abschaffung 50+1 ») ist ein Holzweg. Es geht eben auch anders.
Diese Leihgeschäfte mit England treiben manchmal skurile Blüten. Westham United hatte Verteidiger Reece Oxford im Sommer für die Hinrunde an Borussia Mönchengladbach ausgeliehen und beorderte ihn zu Weihnachten wieder auf die Insel zurück. Am 31. Januar teilte die Borussia mit, dass der 19-Jährige sich bis Saisonende erneut am Niederrhein niederlassen werde. Was dazu wohl die noch zu bildende Bundesregierung sagen würde, die um die Berechtigung einer gewissen Art von Zeitverträgen ringt ?
Oder Ademola Lookman. Der kam letzte Woche aus Everton nach Leipzig, hatte nur ein Paar blaue Noppenschuhe dabei und rutschte in Mönchengladbach auf dem seifigen Rasen mehr, als dass er Fußball spielte. Aber in der vorletzten Minute gelang ihm das einzige Tor des Tages.
Wenn rutschender Ersatz aus England erfolgreicher ist als deutsche Nachwuchs-Elite, dann, ja dann liegt das nicht am fehlenden Geld. Ralf Rangnick hat dazu in der letzten Woche ein paar Takte gesagt und der Bundesliga die Leviten gelesen. Aber das ist ein anderes Thema.

Rainer Kalb

Die Schweizer sind bekanntlich ein Bollkwerk der Meinungsfreiheit. Nun hat sich Dortmunds Schweizer Torhüter Roman Bürki gegen Tausende von Zuschauer gestellt, die Borussia Dortmund nach dem 2:2 gegen Freiburg ausgepfiffen haben.
Die sollten lieber zu Hause bleiben, statt zu pfeifen, war seine Meinung. Schade nur, dass er sie aufgrund der Vereinsführung kurz danach auf Instagram zurück genommen hat. Doch nicht so meinungsstark.
Dürfen Zuschauer gegen die « eigene » Mannschaft pfeifen ? Natürlich dürfen sie. Die Spieler haben via Verein, der die Eintrittskarten auf Haupt- und Gegentribüne für mehr als 100 Euro verkauft, versprochen, eine Gegenleistung zu bringen. Wenn die nicht erbracht wird, darf der Kunde seinen Unmut äußern. Bürki kann froh sein, dass er wegen seines Stellungsfehlers beim Freiburger 40-Meter-Tor nicht auf Schadensersatz verklagt wird.
Fußball-Fans sind schließlich nicht brutal. Sie pfeifen nur. Wenn Bürki die Wahrheit nicht hören will und wünscht, die Fans, sie sollten zu Hause bleiben, sollte er selber höchstpersönlich die Pappkameraden finanzieren, die Vorstandsmitglied Watzke aufstellen müsste, um den TV-Kameras ein volles Stadion vorzugaukeln, mit dem sich die Fernseheinnahmen und damit auchürkis Gehalt rechtfertigen lassen
Was wünscht sich ein Bürki denn ? Es gibt einen alten Bühnenwitz, in dem sich ein Kenner in ein Provinztheater verirrt. Der Tenor singt jämmerlich, und trotzdem fordern die Zuschauer frenetisch ein « Da Capo » - noch einmal. Der Gast wendet sich einem Abonennten zu und fragt : 'Was soll das denn ? Der singt doch jämmerlich !' Antwortet der Stammgast : 'Heute machen wir ihn fertig'.
Hätte Bürki nach seinem ungewollten und vielleicht auch unvermeidbaren Stellungsfehler donnernden Applaus erwartet, um mehr solche Situationen zu provozieren und ihn « fertig » zu machen ? Wohl nicht.
Die Spieler dürfen nicht vergessen, dass sie nicht für ihre Arbeit gerecht entlohnt werden, sondern für das Spektakel, das sie bieten. Wenn das unterirdisch bleibt, darf der Kunde auch mal seinen Unmut äußern. Ihm zu empfehlen, stattdessen samstags nachmittags lieber zu C&A, H&M oder Kaufhof zu gehen, wird letztlich dem eigenen Geldbeutel schaden. Brüderchen, Brüderchen, Du gehst einen schweren Gang.

Rainer Kalb

Eins vorweg : Leon Goretzka ist schuldlos. Und wer ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein. Das steht schon in der Bibel. Aber Leon Goretzka wird von solch einem Haufen an Euro-Scheinen erdrückt, dass er, genial mit dem Fuß, aber schwach im Arm, schon gar keinen Stein mehr werfen kann.
Gelähmt haben ihn andere. Beispielsweise Bundestrainer Joachim Löw. Der berief ihn in die Nationalmannschaft und er - also Goretzka – half mit, den ConfedCup zu gewinnen. Dann flüsterte sein Berater ihm ein, er solle die vorgesehene Verlängerung des Vertrages mit Schalke 04 nicht unterschreiben ; sein Marktwert könne steigen.
Der Berater hatte Recht. Der Marktwert des Fußkünstlers stieg so weit, dass sich Bayern München für ihn interessierte. Die Bayern sind dafür bekannt, dass sie von einer « deutschen Nationalmannschaft » schwafeln, aber im Grunde nur daran interessiert sind, der Konkurrenz die Besten weg zu kaufen (Del'Haye, Matthäus, Effenberg, Berthold, den « bestbezahlten Golfspieler Deutschlands », um nur einige zu nennen).
Im Fall Goretzka kommt allerdings ein weiterer Aspekt dazu, und der gewinnt europapolitische Dimensionen. Durch den aus Spielersicht nachvollziehbaren und pflichtgetreuen Tipp des Beraters, den Vertrag nicht zu verlängern, läuft der Arbeitsvertrag mit Schalke im Juni 2018 ablösefrei aus.
Klartext : Weil Bayern eine « Transfersumme » spart, werden sich Spieler (außer Jahresgehalt plus Prämien) und Berater noch ein sattes « Handgeld » (Achtung ! Steuerprüfung!) für die Unterschrift in die Tasche stecken, falls da noch Platz ist.
Da wirken Bemühungen von Schalke-Chef Tönnies, Goretzka jetzt noch im Winter wegzuloben, um noch 20 Millionen oder so nach Westfalen zu spülen, einfach ärmlich.
Die « Transfersumme » wurde 1995 durch das Bosman-Urteil gekippt. Verbot, acht Deutsche in einer Mannschaft einsetzen zu müssen und « Freiheit » statt « Ausbildungsentschädigung » nach Vertragsende. Die EU-Politiker und -Richter waren im Profifußball 1995 ahnungslose Idioten. Goretzka ist so frei, das zu nutzen.
Es ist Goretzka nicht vorzuwerfen, dass jetzt seine Taschen – und die seines Beraters – überquellen. Aber eine neue deutsche Regierung will ja Europa nach vorne bringen. Einen Sportausschuss im Bundestag soll es außerdem geben. Dem gehörte einst DFB-Präsident Reinhard Grindel an.
Es kann natürlich nicht, wie in anderen Branchen im Top-Management üblich, bei einem Wechsel ein Gebot ausgehandelt werden, für eine bestimmte Zeit nicht zur Konkurrenz zu wechseln. Das käme einem Berufsverbot gleich. DFL und DFB sollten sich allerdings überlegen, ob sie bei innerdeutschen Wechseln auch nach Vertragsablauf nicht wieder eine «Ausbildungsentschädigung » aufrufen, damit das Geld in der Bundesliga und damit in den Vereinen bleibt und nicht bei Spielern und Beratern versickert.
Die UEFA müsste das europaweit anstreben. Und Brüssel muss lernen, das 2018 nicht mehr 1995 ist und Irrtümer sich auch korrigieren lassen. Denn die gängige Methode « Ich gehe, aber ich verlängere für mehr Geld, damit ihr dann noch wegen vorzeitiger Vertragsauflösung mehr Geld bekommt » ist nichts als Erpressung.
Goretzka hat im letzten Sommer darauf verzichtet, was ihn ehrt. Gelitten hat er darunter nicht. Er erntet jetzt nur die Früchte, statt sich Blütenträume zu erfüllen.

Rainer Kalb

Natürlich wird Borussia Dortmund am 26. Februar wieder « ausverkauft » melden. Natürlich werden die Fernsehkameras es aus journalistischer Pflicht nicht vermeiden können, kurz über die halbleere Südtribüne zu huschen. Natürlich werden die Deutsche Fußball Liga und ihre Medienpartner den Aufstand der Fans mit gerunzelter Stirn sehen. Aber dieser Aufstand der Stehtribüne ist nachvollziehbarer als jedes Abbrennen noch des kleinsten Böllers.
Der 26. Februar ist ein Montag. Das mit dem « ausverkauft » stimmt natürlich. Aber die Dortmunder Fanklubs haben beschlossen, ihre Fans dazu aufzurufen, für dieses Spiel gegen Augsburg ihre Dauerkarte verfallen zu lassen. Und wer die Solidarität im Ruhrpott kennt, der weiß, dass dieser Aufruf zum Boykott ernst zu nehmen ist.
Wobei die Dortmund-Fans nichts gegen die Mannschaft aus der Puppenkiste haben. Auch nichts gegen die Mannschaft aus der Stadt der Fugger. Sie haben nur etwas gegen die Fugger von heute.
Jakob Fugger der Reiche stieg um 1500 zum reichsten Mann Europas auf – dank Pfründen, Exklusivrechten und einem komplizierten Netzwerk von Handelsbeziehungen. Um sich einen sozialen Anstrich zu geben, leß Jakob der Reiche 1516 die erste Siedlung für Arme bauen, die heute noch funktioniert (Fuggerei).
Der Ausblick auf Jahrhunderte sei nicht gewagt, aber die Bundesliga-Stiftung wird gewiss noch Jahrzehnte bestehen. Warum ? Weil die DFL reich ist und deshalb aus ihrer « gesellschaftspolitischen Verantwortung », wie das so schön heißt, ein paar Brosamen verteilen kann.
Wie kann sich die DFL die Brosamen leisten ? Angeblich mussten die maximal fünf Montags-Spiele her, um die deutschen Teilnehmer an den Europa-Pokalen nach ihren beschwerlichen Reisestrapatzen zu schonen. Dumm nur, dass kein Montagsspiel notwendig war, als noch sechs Vereine in den Europapokalen vertreten waren. Jetzt wo es nur noch drei sind (davon Dortmund und Leipzig am Donnerstag ; die Bayern am Dienstag oder Mittwoch) sind BVB und RB plötzlich ruhebedürftig.
Kann es nicht eher sein, dass hier ein Vorwand gefunden wird, um dem neuen Medienpartner Eurosport Exklusiv-Quote zu verschaffen ? Weiß die DFL, welche Zumutung es für einen Augsburg-Fan ist, zwei Tage Urlaub zu nehmen, um « seine » Mannschaft in Dortmund anfeuern zu können ? (Gleiches gilt übrigens am Montag zuvor für Leipzig-Fans, die nach Frankfurt müssten).
Die Solidarität der Dortmund-Fans mit ihren Augsburger Kollegen ist einzigartig. Schon das Montagsspiel in der 2. Liga war ein Schlag ins Gesicht aller Ultras. Aber jetzt zerboxt sich die Liga selber. Wer im Ausland mit der Südtribüne aus Dortmund hausieren geht, braucht eine gefüllte. Oder er stellt Pappmachés auf und lässt den Sound aus den Lautsprechern kommen. Die Medienpartner zahlen ja genügend für den schönen Schein. Der Fan ist egal.

Rainer Kalb

Wer bislang den Namen van Dijk gekannt hat, muss ein Kunstkenner gewesen sein. Er hat gewusst, dass Philip van Dyk ein Porträtkünstler des Barock gewesen ist, der um die Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert gelebt und geschaffen hat.
Der Niederländer – seinerzeit hatten die Niederländer wegen ihrer Segelkünste ja noch eine gewisse Bedeutung – der Niederländer also war gewiss kein Rubens, aber brachte es trotzgleich zu einem gewissen Ruhm. (Rubens hieß, nur für Historiker, übriges tatsächlich Rehhagel als er als Trainer, nicht als Verteidiger, in München war).
Es ist nun also theoretisch möglich, dass betuchte Investoren, die von Kunst nichts wissen müssen, auf einer Auktion für einen echten van Dijk 85 Millionen hinblättern, um ihn dann im Hinterhof zu verstecken. Solche Bekloppte gibt es bekanntlich. Egoisten, die sich die (Kunst)welt kaufen. Wobei : Es gab ja auch einen Anthony und einen Floris van Dijk (alles Google).
Jürgen Klopp ist anders. Er kauft sich auch einen van Dijk, auch einen echten, selbst für rund 85 Millionen. Der neue van Dijk kann zwar nicht malen, Aber dafür, dass der 26-Jährige 16 mal für die Niederlande – der Namen der Nation ist inzwischen Programm – gespielt hat und so zwischen 1,90 und 2,00 Meter groß sein soll, soll er ein genialer Abräumer in der Innenverteidigung sein. Sein Vorname ist nicht Philip, Anthony oder Floris, sondern Virgil. Das klingt nach Manneskraft statt nach Blume oder Clown. (Zappelphilipp, Tünn und Schäl, Blümchen).
Für den Leser : Das « von » bedeutet nicht, dass Herr van Dijk adelig ist, sondern nur, dass seine Vorfahren von einem Deich stammten oder an ihm wohnten.
Jürgen Klopp beteuert, dass er nicht auf dem Kunstmark abräumen wollte, um seinen Schatz in einem Tresor zu verstecken. Er will den Schatz den Fans von Liverpool präsentieren. Endlich ein Mäzen, der nicht egoistisch ist !
Wobei, Klopp, der bekloppte, wird dabei von einer deutschen Eiche zu einer biegsamen Birke. Hat er nicht noch vor rund einem Jahr gesagt, er wolle Fußballer formen, ausbilden, erziehen, statt den Transferirrsinn mit zu machen ? 2016 kommentierte Klopp den 105-Millionen-Transfer von Paul Pogba zu Manchester United noch so : «An dem Tag, an dem das Fußball ist, werde ich meinen Job nicht mehr machen. »
Jetzt gibt er 85 Millionen für einen Innenverteidiger aus Southhampton aus (vorher FC Groningen, Celtic Glasgow).
Also, ehrlich, Herr Klopp : Da sind mir dann 220 Millionen für Neymar schon lieber.
Beim FC Bayern sehen sie, bei allem Verständnis für Turbo-Kapitalismus und dafür, dass in England die Uhren, egal woher sie stammen, anders ticken : Was sollen die denn jetzt dem Goretzka und seinem Berater in den Rachen schmeißen, damit der « ablösefrei » von Schalke kommt ?
Aber egal, die Fans und Sky werden es schon bezahlen. Noch ist der Himmel über Bayern nach oben ja blau und offen, so lange es das Festgeldkonto gibt. Wolken gibt es keine. Irgendwann wird auch ein Bundesligist 85 Millionen für einen stabilisierenden Klopper bezahlen.
Ein letzter historischer Hinweis zum Jahresbeginn: 1976 bezahlte der 1. FC Köln für einen Spieler erstmals eine Million D-Mark (!) an Ablöse. Der belgische Stürmer (kein Innenverteidiger) Roger van Gool tat sich anfangs sehr schwer in der Domstadt. Die Fans spotteten schon, der Verein habe wohl van Gool mit einem van Gogh verwechselt. 1978 wurden der FC und der falsche Vincent dann doch noch Meister.
Viel Glück, Herr Klopp !

Rainer Kalb

Der renommierte Sportjournalist Rainer Kalb (63) ist das 62. Mitglied der Lippe-Fohlen geworden. Er wird in Zukunft für uns jeden Dienstag das aktuelle Fußball-Geschehen, auch über unsere Borussia hinaus, kommentieren.

Ein Beitrag von ihm für das Buch "Gesichter der Nachhaltigkeit".