Karl-Heinz Rummenigge hat als Chef des Deutschen Rekordmeisters und als Boss der internationalen Klubvereinigung selbstverständlich das Recht, Interessenvertreter zu sein und seine Finger in wirkliche oder vermeintliche Wunden zu legen. Nur, wenn er jetzt den Länderspielkalender der FIFA in Frage stellt, schießt er ein wenig über's Ziel hinaus. Aber das ist ihm als Stürmer und Nationalspieler, als zweifacher Fußballer Europas ja auch hin und wieder passiert.
Jetzt passen ihm plötzlich die Länderspielpausen nicht mehr. Es darf daran erinnert werden, dass es gerade die reichen Vereine waren, die diese Lösung durchgepaukt haben. Statt fünf oder sechs Tage für ein Länderspiel unterwegs zu sein werden jetzt immer zwei innerhalb von fünf Tagen ausgetragen. Das erspart Spielern aus Afrika und Südamerika Reisestrapazen.
Bayern mag zwar der Nabel Deutschlands und Europas sein, aber der Nabel der Welt ist es nicht. Es gibt auch noch andere Klimazonen auf dieser Erde, und wenn die FIFA eins geschafft hat, dann dieses : Einen weltweit gültigen Spielkalender zusammen zu stellen (auch wenn die Terminierung des Afrikapokals alle zwei Jahre im Januar den europäischen Ligen selbstverständlich missfällt).
Die Vereine kassieren inzwischen beträchtliche Abstellungsgebühren. Die Vereine erhalten über die Deutsche Fußball Liga Geld aus der Vermarktung der Nationalmannschaft. Die Vereinen erziele bei Transfers einen erheblichen Gewinn, wenn einer  der ihren Nationalspieler geworden ist. Wieso plötzlich eine These in den Raum werfen, die im Grunde besagt, am deutschen Wesen solle die Welt genesen ?
Natürlich will auch K-HR die Länderspiele nicht abschaffen. Ein WM- oder EM-Finale lockt immer noch mehr Zuschauer vor die Bildschirme als ein Champions League-Endspiel (wenn es denn einmal erreicht wird). Aber dann müsste er konstruktive Kritik üben und Alternativen aufzeigen. Ein Länderspiel am 2. Weihnachtstag ? Dann würden die Engländer wohl auch im Fußball den Brexit vollziehen.
Drei Monate Liga-Pause, um alle Qualifikationsspiele durchzupeitschen ? Na bitte. Fragt sich nur, wo dann das Benefizspiel und die Freundschaftsspiele bleiben, in denen Joachim Löw, wie jetzt in San Marino, « Perspektivspieler » testen kann.
Man könnte natürlich auch, wie Jürgen Klinsmann es zu tun gezwungen ist, statt einer US-Auswahl eine EU-Auswahl zur Weltmeisterschaft melden und die Europameisterschaft abschaffen. Ob das allerdings dem in Bayern heimisch gewordenen Westfalen Rummenigge gefallen würde, darf bezweifelt werden.
Vermutlich hat K-HR nur deshalb gepoltert, um seinen nächsten Coup vorzubereiten. Da die WM 2022 in Katar im Winter stattfindet, die Menschen im Sommer aber lieber in die Biergärten gehen als in die Stadien, wird er eine Entschädigung für ausgebliebene Zuschauer fordern. Immer mehr Geld, egal woher. 
Es ist zum Davonlaufen.

Rainer Kalb

Wer immer sich die Zeit nimmt, die Bundesliga-Tabelle nach neun Spieltagen einmal gründlich zu studieren und dann auch noch ein wenig zu sinnieren, kommt um folgende Gedanken nicht herum.
Wie war das eigentlich mit der Henne und dem Ei ? Wer oder was war als erste/erstes da ? Hat Volkswagen mit seiner Durchtriebenheit den konzerneigenen Fußballverein  in Selbstzweifel gestürzt und den Abgrund gerissen ? Oder haben die Fußballer mit ihrem Meistertitel 2009 die Ingenieure zu unerlaubten Höchstleistungen angetrieben ?
Mercedes Benz wirbt in der 2. Liga inzwischen als « Bank » auf den Trikots des VfB Stuttgart, was zu der Frage führt : Ist der VfB eine Bank in der 2. Liga oder fühlt er sich von seinem Sponsor nur auf die Strafbank versetzt ?  Ach so, von wegen Bank : Mönchengladbachs Sponsor Postbank kann im Moment auch nicht so wirklich zufrieden sein. Null Tore in vier Bundesliga-Spielen in Folge  erinnern doch zu fatal an die Zinspolitik der Banken. Und eventuelle internationale Erfolge der Borussia helfen dem deutschen Unternehmen auch nur bedingt weiter.
Zurück zur Mobilität : Hamburgs « Fly Emirates » auf den Leibchen hört sich da fast schon wie ein Hilferuf an ; bleibt nur die Frage von wem an wen. Nix als weg ? Für einen Dino ganz schön schwierig. Und trotzdem...
Da sind die Bremer ehrlicher. Die kommen von ihrem Wiesenhof kaum runter, weil die Hähnchen in die Pfanne gehören und nicht frei fliegend auf die Werder.
Opel hat ja irgendwann mal erkannt, dass selbst der Klassenprimus Bayern München in der großen weiten Welt nichts gegen General Motors ausrichten kann, wenn er nicht darf. Ford hat in Köln das Feld Rewe überlassen, die froh sind, dass der FC Spiele gewinnt und damit ihre Schlachten um Kaiser's (nicht Beckenbauer) relativ unbemerkt bleiben.
BMW hält sich im Fußball auffällig zurück. Denen reicht die Mobilität der Golf- und Tennisspieler ; die brauchen keine Fußball-Fans.
Audi überlässt daheim in Ingolstadt lieber vornehm dem wirbelnden Media-Markt das Feld und beteiligt sich stattdessen ruhig und renditeorientiert an Bayern München, wo eigentlich forsch Porsch' erwartet worden wäre.  Stattdessen sorgt die Telekom für weltweite, digitale Mobilität.
Ab der nächsten Saison kommen die Ärmelschoner dran. Die Deutsche Fußball Liga gibt die Zentralvermarktung entnervt auf und jeder darf seine Ärmel höchstselbst zum Markte tragen. Ach, übrigens : VW hat noch ein paar Marken im Ärmel.
P.S. : Wer hier einen humorigen oder galligen Satz über Ausrüster statt Sponsoren vermisst, sieht den Autor sprachlos. Dass adidas Milliarden-Umsätze mit dem Verkauf von Trikots, Shampoos und Schuhen macht, aber dann keine 300.000 Euro mehr für die deutsche Anti-Doping-Agentur Nada zur Verfügung stellt – da fehlen, außer der Pressestelle, die Worte und der Humor.

Rainer Kalb

Wer das Wunder von Leipzig verstehen will, muss sich mit Kurven und Wenden, mit Irrungen, Wirrungen und Besonderheiten beschäftigen, um endlich die Gerade zu entdecken, die zum steilen Aufstieg führte.
Daszu muss gleich am Anfang mit einem Irrtum aufgeräumt werden. So sensationell, wie jetzt geschildert, ist der steile Weg des Aufsteigers nach oben nun auch wieder nicht.
1993/94 verlor Emporkömmling MSV Duisburg die ersten zehn Spiele nicht – und endete auf Platz neun. 1998 wurde Aufsteiger Kaiserslautern Deutscher Meister. 2008/09 durfte die TSG Hoffenheim, übrigens unter dem jetzigen Leipzig-Sportdirektor Ralph Rangnick, sich « Herbstmeister » vor den Bayern nennen, um dann noch auf Platz sieben abzustürzen. Insofern ist es weise und vorausschauend, wenn in Leipzig die Worte « Champions League » oder « Bayern-Jäger » mit einem Bann belegt sind.
Der RasenBallsport Leipzig ist ja dahin, wo er jetzt steht, nur durch mehrfache Winkelzüge und Rochaden gekommen. Der Verein der Stadt, die unbestritten Fußball-Tradition vorweist (erster Deutscher Meister VfB, Gründungsort des DFB), hat sich – um nicht in der untersten Kreisliga beginnen zu müssen – 2009 die Lizenz des Fünftligisten SSV Markranstädt erkauft. 
Dank der sprudelnden Geldquelle eines Brauseherstellers, dank der Tatsache, dass dadurch immer ein  Kader für die nächsthöhere Liga zur Verfügung stand, dank der Tatsache, dass in der Mozartstadt Salzburg ein Verein zu einem Zulieferer des kommenden Gewandhausorchesters im Fußball verkam – dank all diesem stieg RB Leipzig in die Bundesliga auf.
Muss noch erwähnt werden, dass RB Leipzig keine hundert Vereinsmitglieder hat, während der FC Bayern für jede Jahrshauptversammlung die Olympiahalle mieten muss ? An der Maß Freibier kann es wohl kaum liegen. Nein RB Leipzig ist kein demokratischer Verein, sondern eine intelligent strukturierte Demokratur.
Nur zwei Mal hat es bislang gehakt. Nachdem der geplante Aufstieg in die 4. Liga natürlich geschafft wurde, hing der Verein zwei Jahre lang in eben dieser fest. Danach ging es nahtlos nach oben – was eins beweist : Je höher Fußballer steigen, desto mehr sind technische Fertigkeiten gefragt. Kämpfen, beißen und kratzen können sie unten auch. Nur mit dem Spielen hapert es. Auch deshalb ist der immer wieder intelligent zusammengekaufte Erfolg von Leipzig für die jeweils nächstobere Etage kein Zufall.

Rainer Kalb

Die Lage der Dinge war in Fußball-Deutschland am letzten Wochenende selten einfach. Dortmunds Trainer Thomas Tuchel, der eigentlich seinen Millionären Passwege, Umschaltspiel und Pressing beibringen soll, hatte sich zum Lautsprecher auch von Klassenprimus Bayern München aufgeschwungen. Er beklagte, dass minderbemittelte Vereine die Frechheit besitzen, auf dem Platz während 90 Minuten die Kreise der wahren Elite zu stören.
Nun mag Tuchel trotz seines jugendlichen Alters ja bereits auch ein Fußball-Weiser und nicht nur ein Trainer sein, aber dem Gegner, den alten Griechen Diogenes imitierend,  zuzurufen : « Geht uns aus der Sonne ! » ist schon starker Tobak.
20 Fouls könnte, so hat sich Tuchel vernehmen lassen, er ertragen. Also alle viereinhalb Minuten eins. Ist im Sinne des Spielflusses nachvollziehbar, aber im Sinne eines ausgeglichenen Spiels ?
Jeder wehrt sich, so gut er kann, und der eine muss die Regeln dazu mehr verletzen als der andere. Da sind taktische Fouls wohl angebrachter als brutale. Selbst die Bayern haben früher ja zu einer rustikaleren Spielweise als heutzutage gegriffen. Ältere Fans werden sich noch daran erinnern, wie Klaus Augenthaler (Bayern) einst den enteilenden Rudi Völler (Leverkusen) voin hinten ummähte, auf dem Platz bleiben durfte und sich später entschuldigte : « Ich kann doch nichts dafür, wenn der so schnell ist. » Aber das ist ein Vorfall aus den Kinderjahren von Tuchel, und niemand kann ihm vorwerfen, dies vergessen zu haben.
Vorwerfen allerdings muss man den Schiedsrichtern, wie gehorsam sie sich dem Wutausbruch von Teufelchen Tuchel gefügt haben. Zehn Elfmeter, vier Platzverweise – da haben einige Buntkittel wohl sehr aufmerksam beim Frühstück ihre Tageszeitung gelesen. In Hoffenheim lieferte der Direktor Profifußball Alexander Rosen prompt ein schlechtes Imitat, indem er den SC Freiburg attackierte.
Ironie der Geschichte : Fünf der zehn Elfmeter wurden verschossen. Vielleicht sollten Tuchel und sein Gefolge den Angestellten das Schießen von Elfmetern beibringen statt Mitbewerber madig zu machen und gegen sie zu polemisieren.

Rainer Kalb

Wenn sich am Donnerstag und Freitag in Zürich der FIFA-Rat der Weisen trifft, steht die Erweiterung der Fußball-Weltmeisterschaft auf 40 oder 48 Mannschaften offiziell noch nicht auf der immerhin 23 Punkte umfassenden Tagesordnung – auch  ein Hinweis darauf, dass die Idee des neuen FIFA-Präsidenten Gianni Infantino so weise wohl nicht ist.
Nachdem sich Rauch und Nebel verzogen haben, schält sich die Absurdität des Projektes  immer klarer heraus. Infantinos Vorhaben gewährt den kleinen und mittleren Fußballnationen keine größere Teilhabe an dem Ereignis Weltmeisterschaft, sondern zementiert die Vormacht der Großen.
Wie das ? Weil Infantino im Grunde zu einer Weltmeisterschaft mit 16 Nationen zurückkehrt, statt, wie momentan, 32 Teams eine theoretische Chancengleichheit zu bieten. Denn nur 16 Mannschaften wissen, dass sie tatsächlich an einer WM teilnehmen. Die 32 anderen wissen nicht, ob sie sich auf ein K.o.-Spiel oder auf eine 14-tägige Gruppenphase vorbereiten sollen. Das macht schon einen gewaltigen Unterschied aus.
Die europäische Liga möchte ich sehen, die ihren Spielbetrieb drei Wochen einstellt, damit die Nationalmannschaft sich auf ein einziges Länderspiel vorbereiten kann, um die halbe Erdkugel fliegt und dann heißt es : Koffer packen !
Eine Randnotiz : Wer sind denn die 16 glücklichen, die sich dann wirklich auf die WM vorbereiten können ? Wahrscheinlich die besten Qualifikanten aus der Rangliste der FIFA, deren zustande kommen ähnlich geheimnisvoll ist wie das Rezept des Sponsors dieses Rankings, dem Hersteller eines schwarzen, sprudelnden Kaltgetränkes.
Auch der Gedanke, wegen 16 K.o.-Spielen an drei, vier oder fünf Tagen Millionen mehr als bislang aus « dem Fernsehen » zu quetschen, wird Wunschtraum bleiben. Warum hat denn die Champions League rasant schnell nach ihrer Gründung Anfang der 90er-Jahre die Gruppenphase eingeführt ? Weil kein Sender mehr bereit war, Geld für ein Ereignis hinzublättern, bei dem « seine » Mannschaft vielleicht schon in der 1. Runde scheiterte. « Planungssicherheit » war Ende des letzten Jahrtausends das Zauberwort.
Nein, Infantinos in Kolumbien enthüllter Vorschlag kann nur dazu dienen, einige Mitgliedsverbände zu berauschen, damit er den Kompromiss « 40 » durchbekommt. Der macht Sinn : Dann gäbe es statt acht Gruppen à vier eben acht à fünf Teams. Das verlängert die WM nur um eine Woche. Und das spielfreie Land hat zwischen zwei Partien gar sechs Tage frei. Da könnten die Vereine ihre Spieler ja eben mal nach Hause kommen lassen, um ein Meisterschaftsfinale oder einen Supercup auszuspielen. Und die FIFA würde sich Abstellungsgebühren ersparen.
Ob der Fan dann gähnt, scheint Infantino ebenso gleichgültig zu sein wie seinem Vorgänger Blatter. Für's Marketing hat er jedenfalls schon mal Philippe le Floc'h verpflichtet, der unter ihm und Michel Platini schon bei der UEFA gearbeitet hat.

Rainer Kalb

Der renommierte Sportjournalist Rainer Kalb (63) ist das 62. Mitglied der Lippe-Fohlen geworden. Er wird in Zukunft für uns jeden Dienstag das aktuelle Fußball-Geschehen, auch über unsere Borussia hinaus, kommentieren.

Ein Beitrag von ihm für das Buch "Gesichter der Nachhaltigkeit".